Zeitung Heute : Meditieren im Netz: Om und Qigong in der Mittagspause

Rita Neubauer

Stress. Wohin man blickt - Stress. Es beginnt am frühen Morgen, wenn die Software-Ingenieure, die in einer der Schlafstädte entlang des Highway 101 wohnen, ins Herz von Silicon Valley schleichen. Stoßstange an Stoßstange schieben sie sich vorwärts, Aggressionen lassen den Blutdruck schon am Morgen in die Höhe schnellen.

Dann der Stress am Arbeitsplatz, wo Programmierer zehn und mehr Stunden am Tag schuften, da sie die Arbeit für zwei erledigen. Oder wo junge Entrepreneure gleich auf der Couch oder unter dem Schreibtisch nächtigen (auch wenn ich noch keinen von dieser Sorte getroffen habe) und Freizeit ein Fremdwort ist. Auch zu Hause wartet nichts als Ärger, wenn mal wieder realisiert wird, dass trotz fetter Löhne und Aktienoptionen das Eigenheim in unerreichbare Ferne rückt, die Frau oder der Freund sich vernachlässigt fühlen und die Kids dem Computer näher stehen als dem eigenen Fleisch und Blut.

Da hilft nur eines: Relaxen - Entspannung. Und wo läßt sich das besser realisieren als in der einzigen freien Stunde des Tages? In der Mittagspause natürlich. Das haben nicht nur die gestressten Mitarbeiter in der Informationstechnologie erkannt, sondern auch zunehmend die Bosse. So sind Fitness-Studios und Aerobic-Klassen bei Groß-Unternehmen wie "Cisco" inzwischen ein alter Hut. Hüpfen und Gewichte stemmen reicht nicht mehr aus, wenn die Nerven der überforderten IT-Arbeiter entspannt werden sollen. Hip ist heute, wer den ganzheitlichen Weg geht und Entspannung bei den alten asiatischen Meditationsmeistern sucht.

Unternehmen wie "Xerox" engagieren Yoga-Lehrer, um die gekrümmten Rücken der Computer-Geeks in die Cobra-Stellung zu biegen. Der Duft von Räucherstäbchen und das dumpf gehauchte OM sollen die ausgelaugten Batterien unzähliger Marketing-Assistenten bei Hewlett-Packard aufladen helfen. Das OM soll ja den Menschen den Göttern näher bringen. Frohen Mutes kehrt man da an seinen Rechner zurück.

"Energie-Berater" kommen nicht von der Strom-Gesellschaft sondern im Schlepptau von Masseusen und Akupunkturisten. Selbst Psychotherapeuten, die bei Mitarbeiter-Krisen zur Hand gehen, stehen auf der Lohnliste. Das Ziel ist, für 60 Minuten dem Stress ein Schnippchen zu schlagen und die Deadline für den neuesten Computer-Chip oder das nächste Meeting mit dem Chef aus dem Gedächtnis zu verdrängen. Das Hier und Jetzt ist gefragt, nicht das Morgen von Microsoft.

Der neueste Trend ist Yan Xin Qigong, eine 7000 Jahre alte Technik aus China, bei der mittels Atemübungen, Meditation und mentaler Suggestion ein "besseres Selbst" erreicht werden soll. Langsamkeit ist hier die Devise, hektisches Schwitzen völlig abgesagt. Unbewegtes Dasitzen bringt die fehlgeleiteten Energien im Körper wieder in Einklang. Das beruhigt und steigert Leistung und Konzentration. Firmen wie "Seagate", "Lucent" und "Fujitsu" sind hier die Vorreiter und halten wöchentlich Seminare ab.

Und es sind nicht nur die asiatischen Mitarbeiter, die ihre Mahlzeit am Schreibtisch einer Lektüre in einem schwach beleuchteten Raum opfern. Das Ergebnis, so berichten nordamerikanische Qigong-Fans, sei mehr Energie, mehr Geduld und Gelassenheit, weniger Stress und weniger Kopfschmerzen. In der Tat, eine Zauberformel für die Manager.

Doch wir wären nicht in Silicon Valley, gäbe es nicht auch das holistische Online-Angebot für die ganz Eiligen, die nicht einmal in der Mittagspause Zeit haben. So bietet beliefnet.com die Sieben-Minuten-Meditation ebenso an wie interaktives Yoga. OM - auf dass Sie alle heute in Frieden und Glückseligkeit leben.

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