Medizinrecht : Bittere Pille

Recht aus Berlin,Medizinrecht

Suchbild. Ärzte müssen Patienten so aufklären, dass sie Details der Behandlung auch ohne Medizinstudium verstehen.
Suchbild. Ärzte müssen Patienten so aufklären, dass sie Details der Behandlung auch ohne Medizinstudium verstehen.Foto: imago/Jochen Tack

Wochenlang zerrt der Backenzahn an den Nerven. Ein pochender Schmerz, der bei jeder Mahlzeit zur Tortur wird. Als das hartnäckige Ziehen auch noch für schlaflose Nächte sorgt, bleibt nur der Besuch beim Zahnarzt. Eine Wurzelbehandlung und drei Nachsorgetermine später sind die Schmerzen weg - doch die Rechnung sorgt für einen bitteren Nachgeschmack. Dass die Behandlung so teuer wird, war nicht klar. Die abgerechneten Posten sind zwar detailliert, doch schwer verständlich. Kaum zu glauben, dass der Arzt in den wenigen Sitzungen alle abgearbeitet hat.

Fälle wie dieser landen nicht selten bei Michaela Schwabe von der Unabhängigen Patientenberatung in Berlin. "Jede Rechnung kann man grundsätzlich reklamieren", sagt die Juristin. "Vor der Behandlung muss auf eventuelle Zusatzkosten hingewiesen werden." Dies gilt für privat und gesetzlich Versicherte. Alle Kosten, die die Versicherung nicht trägt, müssen bekannt sein.

Über Zusatzkosten muss man informiert werden

Das schließt im Einzelfall auch ungeplante Auslagen für den Arzt ein, etwa wenn ein Termin verpasst wird. Kommt der Patient nicht zur vereinbarten Magen-Darm-Spiegelung und niemand rückt nach, kann der Arzt in manchen Fällen für den Ausfall Schadensersatz verlangen.

Die Informationspflicht betrifft auch die sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen, kurz IGEL. In der Regel muss der Patient schriftlich zustimmen, den fälligen Betrag zu übernehmen. Schließlich sind diese Leistungen freiwillig. Bei einigen ist der wissenschaftliche Nutzen sogar umstritten.

Rund 300 Fälle bearbeitet die Berliner Beratungsstelle im Durchschnitt pro Monat. Die letzte Erhebung der bundesweiten Patientenberatung ergab, dass Fragen zu Anträgen bei den Krankenkassen die Patienten am meisten verunsichern und verärgern. Was wird bezahlt? Was tun, wenn ein Antrag abgelehnt wird?

Seine Akte darf man einsehen und kopieren

Neben Beschwerden über Behandlungsfehler sind Unklarheiten bei Rechnungen, Diagnosen und Therapien weitere Top-Themen. Dabei ist im Patientenrechtegesetz genau geregelt, worüber der Arzt den Kranken aufklären muss. Behandlungsmethoden, Risiken und Nebenwirkungen, Kosten, Erfolgsaussichten, Alternativen: Jeder Patient hat das Recht, umgehend zu erfahren, was ihn erwartet, damit er die Krankheit in den Griff bekommt. Dazu gehört, dass Kranke Details der Behandlung auch ohne Medizinstudium verstehen. Beraterin Schwabe setzt neben dem Gesetz auf das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. "Wenn mir etwas unklar ist, sollte ich jederzeit nachfragen können", sagt die Medizinrechtlerin.

Fühlt sich ein Patient bei seinem Arzt nicht gut aufgehoben, kann ein Wechsel zu einem anderen Experten hilfreich sein. Seine Akte kann der Kranke "unverzüglich" einsehen und in Kopie mitnehmen. Auch das ist Teil des Patientenrechtegesetzes. Nur sehr selten darf der Mediziner die Akteneinsicht verweigern, etwa wenn die Rechte Dritter betroffen sind oder eine Gefahr für den Patienten besteht, wenn er Einzelheiten erfährt.

Die bundesweit 21 Anlaufstellen der Unabhängigen Patientenberatung arbeiten neutral, unabhängig, kostenlos und verfolgen den Ansatz "Hilfe zur Selbsthilfe". Immer wieder stellen die Berater fest: Viele Patienten kennen ihre Rechte nicht und nehmen die Aussagen der Mediziner als gegeben hin. Erst wenn Behandlungen nicht anschlagen oder Nebenwirkungen für noch mehr Beschwerden sorgen, wenden sie sich an die Beratungsstelle.

Dabei sagt Schwabe: "In manchen Fällen lohnt sich ein Gespräch, bevor die eigentliche Therapie beginnt." Häufig könnten Unklarheiten im Vorfeld beseitigt werden. Im Notfall ruft die Juristin selbst bei den Ärzten an oder setzt Formulierungshilfen auf, zum Beispiel wenn ein Ratsuchender nicht gut Deutsch kann oder nicht in der Lage ist, sich mit den Medizinern auseinanderzusetzen.In der Regel händigen die Ärzte die gewünschten Details zur Rechnung oder die Patientenakten jedoch nach mündlicher Anfrage aus. Passiert wochenlang nichts, rät Michaela Schwabe dazu, schriftlich nachzufragen. "Am besten per Einschreiben und Rückschein und mit einer eindeutigen Fristsetzung."

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