Zeitung Heute : Mehdorn macht Druck: Dachbauer unter Zugzwang

Der Tagesspiegel

Von Klaus Kurpjuweit

Im neuen Lehrter Bahnhof, der frühestens zur Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 2006 in Betrieb gehen soll, rollen schon jetzt Züge über die Gleise. Noch sind es allerdings nur Bauzüge für die Montage des Hallendaches. 14 von 23 gewaltigen Trägern, die sechs Gleise und drei Bahnsteige überspannen, sind bereits montiert. Den Zeitplan hat Bahnchef Hartmut Mehdorn selbst vorgegeben: Bis 31. Mai müssen die Dacharbeiten so weit sein, dass noch im Juni die ersten „richtigen“ Züge durch die Halle fahren können.

Der Bau des Bahnhofes hat bereits eine Verspätung von mehreren Jahren, doch jetzt kommt es dem Bahnchef auf jeden Tag an. Dafür hat er sogar angeordnet, dass das Dach von geplanten 430 Metern auf nur noch 320 Meter verkürzt wird. Bei langen Zügen werden die Fahrgäste in den ersten und letzten Wagen deshalb im superteuren Bahnhof der Bahn im Freien stehen.

Doch auch der Terminplan für das Kurzdach ist ehrgeizig. Ursprünglich waren für die Montage der langen Variante sieben Monate vorgesehen, jetzt haben die Dachbauer der Firma Mero aus Würzburg für die kürzere nur vier Monate Zeit. Geschäftsführer Josef Roßmanith verbringt seine Tage zur Zeit fast nur noch auf der Baustelle. „Nur so können Entscheidungen schnell getroffen werden“, sagt er. Auch über Ostern wird geackert. Zudem ist in den folgenden Tagen Nachtarbeit eingeplant.

Das ist gar nicht so einfach. Weil der Firmensitz von Mero in Würzburg ist, müssen auch die dortigen Behörden der Zusatzarbeit in Berlin zustimmen. „Und die Beamten in Franken davon zu überzeugen, was für Berlin wichtig ist, ist gar nicht so einfach“, berichtet Roßmanith. Doch inzwischen liegen die Genehmigungen für die Nachtarbeit vor.

Beim Dach sieht es noch anders aus. Da bei der kurzen Ausführung gegenüber der ursprünglichen Planung elf Träger fehlen, muss die Statik für das kürzere Bauwerk neu berechnet werden. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) als Aufsichtsbehörde prüft die neuen Unterlagen zur Zeit. Die Genehmigungen würden dann sukzessiv erteilt, sagte EBA-Sprecher Mark Wille. Beim großen Dach hatte sich die Endgenehmigung erheblich verzögert. Als sie dann endlich vorlag, entschied sich Mehdorn kurzfristig für die Kurzform.

Das Dach ist nicht einfach nur ein Dach. Es gehört zu den kompliziertesten, die je gebaut wurden. Schon das Gerüst ist etwas Besonderes. 3600 Tonnen wiegt es. Mero habe sich auf solche Besonderheiten spezialisiert, sagt Roßmanith nicht ohne Stolz. Zuletzt errichtete das Unternehmen in Singapur ein ähnliches Dach. „Auch dort wurden wir termingerecht fertig“, so Roßmanith. Dass der Termin am Lehrter Bahnhof eingehalten wird, musste Mero dem Bahnchef versprechen. Mehdorn war auch bereits mehrfach auf der Baustelle, um nachzusehen.

380 Bauleute sind zur Zeit auf der Baustelle beschäftigt. Nach Ostern sollen weitere Schweißer dazustoßen, wobei Mero auch auf andere Firmen zurückgreift. Allein zwischen den einzelnen Trägern sind für die so genannte Netzschale 450 Schweißungen erforderlich. Die Scheiben des Glasdaches ruhen in einer Art Gitter, die fast alle verschiedene Maße haben. Zusätzlich halten zig Stahlseile, die wiederum fast alle unterschiedliche Längen haben, das Dach. Da darf beim Zusammenbau nichts verwechselt werden.

Das Dach besteht zunächst aus zwei Teilen; in der Mitte wird eine rund 60 Meter lange Lücke klaffen. Diese war allerdings von Anfang an geplant. Gefüllt wird sie von zwei Bürotrakten, die die Ost-West-Gleise der Stadtbahn in Nord-Süd-Richtung überspannen und dazwischen ein weiteres Hallendach erhalten. Diese Bügelbauten werden erst später errichtet – die Bahn sucht noch nach Mietern für die rund 44000 Quadratmeter Fläche.

Deshalb werden zunächst auch die S-Bahnen im Freien halten, wenn sie ab Anfang Juli über die neue Trasse fahren. Anders als vorläufig die Fernzüge werden sie im Lehrter Bahnhof auch halten. So können sich die Fahrgäste immerhin an das künftige Gefühl der freien Atmosphäre im Bahnhof schon ein wenig gewöhnen. Wenn die Züge über die neue Trasse fahren, wird der alte Lehrter Stadtbahnhof der S-Bahn abgerissen, damit man auch dort den unterirdischen Teil des neuen Bahnhofes bauen kann.

Um die neuen Gleise anschließen zu können, werden der Fernverkehr vom 16. bis zum 21. Juni und anschließend der Betrieb der S-Bahn bis zum 4. Juli unterbrochen. Dies ist bereits in die aktuellen Fahrpläne eingearbeitet worden. Auch deshalb sind die Dachbauer im Zugzwang.

Arbeiten am Dach unter laufendem Betrieb sind fast nicht möglich. Nur Restarbeiten können noch ausgeführt werden. Deshalb haben die Planer auch eine nachträgliche Verlängerung des Daches, das ein Wahrzeichen des „neuen“ Berlins werden sollte, abgeschrieben. Nur wenn der Zeitplan nicht aufgeht, und die Züge im Juni auf ihrer alten Trasse bleiben, könnte in wenigen Wochen das lange Dach fertig gebaut werden. Von Abschnitt zu Abschnitt geht es schneller. „Wir lernen jeden Tag dazu“, sagt Roßmanith.

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