Zeitung Heute : Mehr als ein Haufen wilder Seeräuber

Rolf Brockschmidt

Die Wikinger sind wieder im Gespräch. Nicht nur, dass selbst Playmobil die Krieger aus dem Norden in einer netten Variante in die Kinderzimmer schickt, auch Sven Nordqvist, der vor allem mit Findus und Pettersson (siehe nebenstehende Rezension) weltberühmt wurde, hat die Wikinger wieder entdeckt. Sein Landsmann Mats Wahl erzählt in dem Buch "Die Leute von Birka" wie es zu Zeiten der Wikinger gewesen sein könnte. Und Sven Nordqvist liefert dazu fantastische großformatige Illustrationen mit interessanten Details, die in ihrem Stil ganz anders sind als bei Findus und Pettersson.. Hier wird nichts geschönt oder idealisiert. Beide, Wahl und Nordqvist, sind bemüht, ein möglichst realistisches Bild jener Zeit zu geben, über die man erstaunlicherweise immer noch relativ wenig weiß.

Damit es nicht ein staubtrockenes historisches Sachbuch wird, haben die beiden eine Wikinger-Familie in den Mittelpunkt einer Geschichte gestellt. Holmsten, der Sohn des Bronzegießers Sigurd aus Birka, wird im Winter beim Holzschlagen von einem Wolf angefallen und schwer verletzt. Seine ihm zugeneigte Schwester Vigdis legt sich zu ihm, um ihn zu wärmen. Währenddessen kommen andere Wikinger und erzählen am Feuer von ihren Fahrten und Abenteuern. Und auch Holmsten fährt bald auf einem Schiff zur See, lernt die Gefahren kennen, die dort lauern und staunt über die faszinierende Bildhauerkunst der Gotländer.

Geschickt baut Wahl alles in die Geschichte ein, was über die Wikinger bekannt ist. Wie ein Thing funktioniert, wie sie ihre Häuser bauten und wie sie um ihre Frauen kämpften. Kidnapping und Freikaufen gehörten damals zur Tagesordnung. Die Erzählung geht offen aus, Holmsten und sein Sohn Hlavdan kehren von einer Gotlandfahrt nicht mehr zurück. Ihr Schicksal bleibt, wie so manches aus jener Zeit, im Dunkel der Geschichte.

Damit ist das Buch aber noch nicht zu Ende. Björn Ambrosiani, der von 1990 bis 1995 die Ausgrabungen in Birka geleitet hat, erzählt in klaren, einfachen Texten, was über die Wikinger auf Grund von literarischen und archäologischen Quellen bekannt ist, wo und wie sie lebten, wohin sie reisten und wie sie ihre Schiffe bauten, ihre Gesellschaft organisierten und welche Handwerke sie beherrschten. Und spätestens jetzt wird deutlich, dass es nicht nur raubende und mordende Banden waren, sondern ein Volk mit einer sehr interessanten Kultur, in politischer und kultureller Hinsicht.

Mats Wahl und Sven Nordqvist haben nach dem Buch "Die lange Reise" über einen Ostindiensegler wieder ein interessantes Gemeinschaftswerk aus Schwedens maritimer Vergangenheit vorgelegt und vielleicht wird noch einmal ihr Buch über die Gustav Vasa aufgelegt.

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