Zeitung Heute : Mehr als ein Kreuz

25 Parteien treten an. Und jede Stimme macht eine bestimmte Koalition wahrscheinlicher. Ein kleines Horoskop für Wechselwähler

Robert Birnbaum

Jeder dritte Wähler weiß noch nicht, was er wählen soll. Viele sehen sich keiner Partei verpflichtet, wollen aber trotzdem eine bestimmte Koalition. Welche Regierung könnte herauskommen, wenn man welche Partei wählt?

Sie wissen schon genau, welche Partei Sie wählen wollen? Dann müssen wir Sie warnen. Lesen Sie besser nicht weiter. Sie könnten sonst in Ihrem Entschluss schwankend werden. Oder gehören Sie zur großen Schar der Unentschlossenen? Die über die Regierung nur den Kopf schütteln können, aber der Opposition so recht auch nicht trauen? Dann sollten Sie unbedingt weiterlesen. Dieses Horoskop für Wechselwähler ist ein kleiner Ratgeber für die Ratlosen.

Das ist, wir räumen es freimütig ein, in diesem Wahljahr ein besonders schwieriges Unterfangen. Denn Grundlage unseres Blicks in die Zukunft sind zwar nicht die Sterne, aber die Wahlumfragen. Und selten sind sich die Demoskopen ihrer eigenen Daten so unsicher gewesen. Sollte das Wahlergebnis am Sonntag stark von den letzten Umfragen abweichen, dürfte vieles nicht stimmen, was wir hier prophezeien. Aber so ist das halt mit Horoskopen – sie sind immer ohne Gewähr.

Was also bewirken Sie mit Ihrer Zweitstimme, wenn Sie…

…SPD wählen? Sie wollen unbedingt, dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt. Aber: Schwierig, schwierig, schwierig. Für Rot-Grün reicht es nicht, selbst wenn Schröder sein Traumziel 38 Prozent bekäme. Nur zwei Bündnis-Kombis könnten ihn theoretisch im Kanzleramt halten: Ein rot-rot-grüner Bund mit Oskar Lafontaines Linkspartei – oder eine rot- gelb-grüne Ampel mit Guido Westerwelles FDP. Beides halten Sie für unvorstellbar? Tja, es muss gesagt werden: Dann ist Ihre Stimme für die SPD ein Votum für die große Koalition unter einer Kanzlerin Merkel. Und ohne Schröder.

…CDU wählen? Sie wollen also, dass Angela Merkel erste Bundeskanzlerin in Deutschland wird. Schon möglich. Schwarz-Gelb sehen die Demoskopen zusammen gleichauf gegen alle drei anderen Parteien; ein bisschen mehr, und es reicht. Aber wenn nicht? Dann könnte Merkel hilflos zusehen, wie sich andere Partner finden. Oder sie sucht selber einen. Den SPD-Mann Peer Steinbrück für eine große Koalition zum Beispiel. Und was wäre mit Joschka Fischer? Auch Schwarz-Grün scheint rechnerisch möglich. So oder so: Mit der Stimme für die CDU wählen Sie Wechsel. Sie wissen nur nicht genau, wie viel sie davon kriegen.

…Grüne wählen? Joschka Fischer soll also doch noch Außenminister bleiben. Schwierig, schwierig. Rot-Grün kommt nicht wieder. Bei einer großen Koalition muss sich Fischer mit Lafontaine und Guido Westerwelle um den Rang des heimlichen Oppositionsführers zanken. Was übrig bleibt, sind Farbenspiele: Rot-Rot-Grün, Schwarz-Gelb-Grün, Rot-Gelb-Grün, Schwarz-Grün. An die glauben Sie alle nicht? Dann also: Auch eine Stimme für Grün macht die große Koalition wahrscheinlicher.

…FDP wählen? Sie wollen mit Guido Westerwelle dem Wechsel den Turbo verpassen. Das könnte klappen. Wenn die FDP nicht allzu schwach abschneidet, verhilft sie der CDU über die schwarz-gelbe Hürde. Andernfalls sind wir wieder bei den bekannten Ampel-Spielen, mal mit Schröder, mal mit Merkel an der Spitze und beide Male mit Fischer im Auswärtigen Amt. Oder bei der großen Koalition – und Westerwelle im Rednerwettstreit der drei Kleinen im Bundestag. Fazit: FDP-Stimme ist wahrscheinlich Wechsel-Stimme – mit einer ganz kleinen Restunsicherheit ins Ampulöse.

…Linkspartei wählen? Sie wollen also, dass Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die Stimmen des Volkes werden. Damit stellen Sie sich Schwarz-Gelb in den Weg. Aber wenn nicht Schröder und Fischer dem Ex-Kumpel Lafontaine alles vergeben und vergessen, hat auch Ihre Stimme einen paradoxen Effekt: Im Ergebnis erhöht das Kreuz bei „Linkspartei“ wieder nur die Wahrscheinlichkeit einer großen Koalition.

…die Partei Bibeltreuer Christen, das Zentrum oder eine andere Kleinpartei wählen? Sie treiben die Wahlbeteiligung hoch. Ansonsten passiert Ihnen genau das Gleiche wie Nichtwählern.

…sie fort bleiben, leere Wahlzettel abgeben oder „Alle doof“ draufschreiben? Sie erreichen das Gegenteil von dem, was Sie vermutlich wollen. Verteilt wird nur der Kuchen der Parteien über fünf Prozent. Je kleiner dieser durch Enthaltung, ungültige und Kleinstparteienstimmen wird, desto mehr wiegt relativ jedes Kreuz anderer Wähler für die Etablierten.

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