Zeitung Heute : Mehr als ein Schatten

Der lange Weg in die Normalität: Carola Möllemann-Appelhoff kandidiert als Oberbürgermeisterin in Münster

Markus Brauck[Münster]

Eins ist klar hier, und das sagt Carola Möllemann-Appelhoff auch deutlich, bevor überhaupt die erste Frage gestellt ist: „Privates mach’ ich nicht.“ Wie es ihr geht als Witwe von Jürgen W. Möllemann, ob sie immer noch Groll hegt gegen die Parteispitze der FDP, was sie zu den neuen Entdeckungen über das Finanzgebaren ihres Mannes meint, sie behält es für sich. Ihre Körpersprache ist unmissverständlich. Journalisten müssen nur versuchen, sich ihr mit der Wendung zu nähern: „Eine Frage hätte ich da noch.“ Schon verschränkt sie die Arme noch etwas fester vor dem Oberkörper, hebt das Kinn nach oben, bereit, jeden Angriff auf ihr Inneres abzuwehren. Versuchen Sie es erst gar nicht, heißt das. Ihre Spielregel lautet: „Sie können mich beim Wahlkampf begleiten. Aber ich rede nur über Kommunalpolitik.“ Über den Schatten, der auf ihr liegt, spricht sie nicht.

Die Journalisten aber reisen diesem Schatten hinterher bis nach Münster, bis auf den Marktplatz des Stadtteils Gievenbeck, wo Carola Möllemann-Appelhoff an diesem Nachmittag die Nähe zu den Wählern sucht. Ein Fernsehteam ist da. Fünf Journalisten notieren, was die Kandidatin sagt. Etwa zum Neubau einer Tiefgarage unter dem Ludgerikreisel – sie ist dafür. Oder zum Projekt einer Musikhalle – sie ist dagegen. Die Arme hat sie wieder verschränkt, aber je länger sie redet, desto entspannter wirkt sie. Auf der anderen Straßenseite stehen die Grünen, verschenken Sonnenblumen und sind angefressen.

„Die interessieren sich wohl alle für Münsteraner Kommunalpolitik“, sagt ein Grüner.

„Ja, meinen Sie, das hat einen anderen Grund?“

„Die kommen doch alle nur wegen der Person.“

„Ach ja? Warum?“

„Na, Sie wissen schon.“

Jeder eiert herum um die simple Wahrheit: Wäre ihr Mann nicht das politische Enfant terrible gewesen, und wäre er nicht mit dem Fallschirm zu Tode gestürzt, die Oberbürgermeisterkandidatin würde nur vor Lokaljournalisten reden. Nicht ihre Politik, nur ihre persönliche Tragödie macht sie interessant. Vielleicht, so hoffen sie alle, sagt sie ja doch etwas – so etwas in der Art der Traueranzeige, in der die Familie damals Rechenschaft von jenen verlangt hatte, „die auf niederträchtige Weise versucht haben, sowohl den Menschen Jürgen Möllemann wie auch sein politisches Lebenswerk zu zerstören“. Damals hat Frau Möllemann-Appelhoff die Rolle gespielt, die ins Drehbuch der Medien passt – die verbitterte Witwe. Könnte es nicht doch sein, dass sie noch einmal zu diesem Part zurückfindet und die Möllemann-Saga fortsetzt? Aber irgendwann scheint sie sich entschlossen zu haben, die Schlammschlacht zu beenden und ihr eigenes politisches Leben weiterzuleben. Dass ihr das nicht immer leicht fällt, merkte man schon im Februar, als sie sich zur Kandidatin küren ließ. Auf dem sonst so gar nicht aufregenden FDP-Parteitag drängten sich Fernsehen und Presse. Hinter jeder Geste, jedem Satz von Frau Möllemann-Appelhoff war die Anstrengung zu spüren, Normalität zu demonstrieren, das Medienmonster nicht zu füttern. Ihre Stimme zitterte manches Mal. Ihr Blick suchte Halt und fand ihn selten. Alle Fragen zur Person wehrte sie schon damals hart ab. Doch die Härte kostete Kraft. Erst als die Kameras und die meisten Journalisten abgezogen waren, als sich der Parteitag den ödesten Anträgen zuwandte und selbst die Berichterstatter der Lokalpresse kaum noch etwas ins Notizbuch schrieben, erst da kam die Normalität zurück. Im Arbeitsalltag des Kreisverbandes blühte Frau Möllemann-Appelhoff auf, diskutierte aufgeregt über die Richtigkeit von Anträgen zur Tagesordnung.

Bild fragte am Tag ihrer Kandidatur: „An wem will sich Möllemanns Witwe rächen?“ Zum Todestag ihres Mannes tischte das Blatt dann eine neue These auf: „Selbstmord aus Liebeskummer?“ Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ deutete das Seelenleben der Witwe: „Schritt für Schritt tastete sie sich in ihr Leben zurück. Wie eine Komapatientin nach dem Aufwachen.“ Ein Interview hatte Möllemann-Appelhoff verweigert.

„Für die großen Medien ist sie immer noch nicht mehr als die Witwe von Jürgen Möllemann. Aber in Münster war das immer etwas anderes“, sagt Uwe Tönningsen, einst Wahlkämpfer für Möllemann. Sie ist bekannt in der Stadt. 91,6 Prozent der Münsteraner kennen sie. Nur der CDU-Bürgermeister hat etwas bessere Werte. Der Kandidat der SPD kommt gerade auf 82,5 Prozent – und der sitzt immerhin im Bundestag. Die Kandidatin der Grünen kennt nicht einmal jeder Zweite. Trotzdem hat Frau Möllemann-Appelhoff keine Chance, zurzeit werden ihr gut acht Prozent der Stimmen prognostiziert. Womit sie auch kokettiert. „Die Chancen, Oberbürgermeisterin zu werden, ich weiß noch nicht, wohin die tendieren, aber sicher gegen null“, sagt sie auf einer Diskussion vor Gymnasiasten. Diese Ehrlichkeit bringt Punkte. „In den Wochen vor einer Wahl wird von vielen Politikerinnen und Politikern vieles versprochen. Aber nicht von mir.“ Solche Sätze fallen oft: die Wahrheit sagen, ehrlich sein.

Frau Möllemann-Appelhoff scheint in dieser Stadt unangreifbar zu sein. Selbst ihre Kontrahenten loben sie. „Eine angenehme Gegnerin. Niemals polemisch, immer sachlich“, sagt der SPD-Kandidat Christoph Strässer. Ganz anders also als ihr Mann? „Ja, aber so war sie immer schon. Sie hat sich in ihrer Art nicht verändert.“ Jedenfalls dringt nichts davon nach außen. Jeder andere Mensch in Münster gibt bereitwillig Auskunft darüber, was für ein Schock die Nachricht vom Tod Jürgen Möllemanns für ihn war. Ein Freund sagt, er selbst habe an dem Tag mit dem Fallschirmspringen aufgehört und deutet wüste Verschwörungstheorien an. Fragt man sich ein bisschen durch bei der Münsteraner FDP, so merkt man, wie sehr der Name Möllemann immer noch wie ein Stachel im Fleisch der Partei steckt. Und auch die Frau, die seinen Namen trägt. Zwar kandidiert sie für das Amt der Oberbürgermeisterin, aber in der Partei will sie keine Funktion mehr haben. „Dann müsste sie mit den Leuten auf anderen Ebenen der Partei reden“, sagt ein FDP-Funktionär. Zurück in der Normalität ist Carola Möllemann-Appelhoff also längst nicht.

Zur Wahlkampfunterstützung reist denn auch niemand der FDP-Oberen an – einige alte Freundschaften sind immer noch so eng, dass Frau Möllemann-Appelhoff das nicht nötig hat. Sie tritt gemeinsam mit dem Komödianten Ludger Stratmann auf, der nach dem Selbstmord Möllemanns aus der FDP austrat. Auch Managertrainerin Gertrud Höhler hilft ihr beim Werben um den Wähler. Höhler redet vom „Ende der Gier“ und „Deutschlands zweiter Chance“. Und über Frauen in der Politik. „Ein Mann ist zu sehr mit Siegen beschäftigt. Aber Frauen machen Siege sicherer.“ Vielleicht ist auch das eine Umschreibung der Differenz zwischen den Möllemanns.

In Münster ist man immer noch stolz auf Jürgen W. Möllemann. „Der hat doch den Gorbi hierher geholt und auch sonst Glanz in die Provinz gebracht“, sagt ein Wähler bei einer FDP-Veranstaltung. „Niemand sagt das mehr so laut. Aber der Name Möllemann zieht hier immer noch. Davon profitiert auch Frau Möllemann.“ Er nennt sie übrigens immer nur „Frau Möllemann“. Wie alle hier. „Möllemann-Appelhoff“, so ein Münsteraner FDP-Mann, „das sagt eigentlich nur sie selbst.“

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