Zeitung Heute : Mehr als eine Baustelle

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Von Cordula Eubel und

Maurice Shahd

Nun ist es beschlossene Sache: In der Bauwirtschaft soll demnächst gestreikt werden. Zum ersten Mal seit 1949. Weder ein 22-stündiger Verhandlungsmarathon konnte dies verhindern noch ein Schlichter, der sich bis zuletzt um einen Kompromiss mühte. „Unüberbrückbar“ seien die Positionen gewesen, sagte Heiner Geißler noch am Wochenende, nachdem er die Tarifverhandlungen zur Überraschung vieler ohne Ergebnis für beendet erklärt hatte. Gestern wurde die Streik-Urabstimmung in Gang gesetzt.

Als Grund für das Scheitern der Verhandlungen machte IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel die ostdeutschen Baubetriebe aus. Sie wollten keiner Erhöhung des Mindestlohnes von 8,63 Euro in diesem Jahr zustimmen. „Bis an die Schmerzgrenze“ seien sie gegangen, konterten die Arbeitgeber. „Mit der Einführung eines Mindestlohns für Facharbeiter sind wir den Gewerkschaften weit entgegengekommen“, sagt Harald Schroer, Tarifexperte des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes (ZDB). Die Erwartungshaltung nach dem hohen Abschluss in der Metallindustrie sei aber wohl zu hoch gewesen.

Der Streik in der Bauindustrie trifft die Branche in ihrer schwersten Krise. Seit dem Ende des Baubooms im Zuge der Wiedervereinigung entwickelte sich die Bauwirtschaft deutlich schlechter als andere Wirtschaftszweige. Das Bauvolumen sank von 289,2 Milliarden Euro 1995 auf 257,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Ein Rückgang von über 15 Prozent. Noch dramatischer entwickelte sich die Zahl der Beschäftigten. Seit 1995 schickten die Bauunternehmen über ein Drittel ihrer einst 1,5 Millionen Mitarbeiter auf die Straße. „Nach der Wiedervereinigung wurden enorme Überkapazitäten geschaffen, die jetzt abgebaut werden müssen – besonders in Ostdeutschland“, sagt Christoph Partisch, Bau-Experte der Dresdner Bank.

Konjunkturprobleme

Die Gründe für die anhaltende Krise sind vielfältig. Geringere Investitionen der öffentlichen Hand, die Streichung von Förderungen, Schwarzarbeit oder die anhaltende Konjunkturdelle machen den Baufirmen zu schaffen. Die Branche ist im Wesentlichen auf drei Baustellen aktiv.

Baustelle I: Der öffentliche Bau. Der Sparkurs der öffentlichen Hand schlägt auch auf die Bauindustrie durch. Rund 30 Milliarden Euro oder 13 Prozent der Bauinvestitionen im Jahr 2001 kamen aus staatlicher Hand. Zwei Drittel der öffentlichen Bauaufträge vergeben die Kommunen, deren Kassen leer sind. „Die Kürzungen der Kommunen bei den Investitionen werden die Krise in der Baubranche noch verschärfen“, befürchtet Volker Rußig, Bauwirtschaftsexperte beim Münchner Ifo-Institut. Selbst wenn der Bund seine Ausgaben ausweite, könne er den Rückgang auf kommunaler Ebene nicht ausgleichen. Für 2002 rechnet das Wirtschaftsforschungsinstitut daher mit einem Rückgang um drei Prozent im öffentlichen Bau.

Investitionen lohnen nicht

Baustelle II. Der Wohnungsbau. Der Bau von Einfamilienhäusern und von Häusern mit Mietwohnungen war lange eine Stütze der Bauwirtschaft. Der Trend zu den eigenen vier Wänden wurde aber jäh gestoppt, als die Bundesregierung die Eigenheimzulage kürzte. Die Einkommensgrenze für die Häuslebauer wurde von 60 000 Euro auf 40 000 Euro gesenkt. Das Ergebnis: Der Wohnungsbau brach 2001 um 17,1 Prozent ein. Auch der Mietwohnungsbau ist nach Aussage von ZDB-Präsident Arndt Frauenrath „fast völlig zum Erliegen gekommen“. Als Gründe nennt der ZDB die Erhöhung der Gewerbesteuer, die Neufassung des Mietrechts oder die Diskussion über die Neubewertung von Immobilien bei Erbschaften. Frauenrath: „Es lohnt sich einfach nicht, hier zu investieren."

Baustelle III: Die Hoffnungen der Branche ruhen auf dem Wirtschaftsbau, der 2001 mit rund 67 Milliarden Euro knapp ein Drittel der Bauinvestitionen ausmachte. „Hier zeigen sich erste Ansätze zur Erholung“, sagt Bauexperte Rußig vom Ifo-Institut. Denn der Hoch- und Tiefbau, der nicht aus staatlichen Kassen bezahlt wird, profitiert von einem Konjunkturaufschwung. Allerdings sei eine Besserung erst bei einem Wirtschaftswachstum von über zwei Prozent spürbar.

Die Bauunternehmen reagieren mit einem massiven Stellenabbau auf die Krise. Im deutschen Hochbau ist nichts mehr zu verdienen, heißt es unisono von Hochtief, Bilfinger Berger oder Walter Bau. Sie suchen sich neue Erlösquellen. „Die Bauunternehmen gehen verstärkt ins Ausland“, sagt Bau-Experte Partisch. Dort sei mit Großprojekten wie Flughäfen, Bahntrassen oder Kraftwerken noch gutes Geld zu verdienen. Ein Weg, der aber nur den Großen der Branche offen stehe. Und das sind nur wenige: 96 Prozent der deutschen Bauunternehmen machen im Jahr weniger als 2,5 Millionen Euro Umsatz.

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