Zeitung Heute : Mehr als eine Fingerübung

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Von Antje Sirleschtov, Rostock

So ernüchternd kann der Kontakt zu Wählern sein: Freitagabend in Rostock. Es gießt schon seit Stunden. Ein paar hundert Menschen sind zur Auftaktveranstaltung der CDU-Aufschwung-Ost-Tour auf den Neuen Markt gekommen. Reichlich Bier und zwei Dutzend Polizisten, Schlagstöcke und Schutzschilder sind griffbereit. Obwohl Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber mit der Nordostdeutschen Angela Merkel und dem Halbthüringer Lothar Späth zwei Ostexperten mitgebracht hat, gellen die Pfiffe und Schreie seiner Gegner ohrenbetäubend eine ganze Stunde lang. Doch das soll den Spitzenkandidaten nicht weiter kümmern. An diesem Wochenende beginnt Stoiber seine Wahlkampfreise durch ganz Deutschland.

Er tritt ans Mikrofon und setzt ein gelassenes Siegerlächeln auf. „Es schaut so aus“, sagt er, noch bevor die Anwesenden erfahren haben, warum sie den Mann da vorn überhaupt wählen sollen, „als ob die CDU/CSU im September mit Abstand stärkste Partei in Deutschland wird“. Das Land sei wirtschaftliches Schlusslicht in Europa, die Arbeitslosenzahl höher als vor vier Jahren, und aus dem „Stern“ habe er gerade erfahren, dass Gerhard Schröder nichts lieber täte, als mit seiner Frau Doris die Rente in New York zu verleben. „Lassen wir ihm doch das Vergnügen“, sagt Stoiber und spricht fortan bei der Beschreibung des „jämmerlichen Zustandes“ der Republik nur noch von „meiner schlimmen Eröffnungsbilanz“. Ganz so, als ob sein Einzug ins Bundeskanzleramt nur noch eine rein formale Angelegenheit sei.

Zweifellos könnte die Ausgangsposition für den Kandidaten kaum günstiger sein. Die Union liegt in allen Umfragen vorn. Die allermeisten befragten Deutschen trauen Stoiber, Merz und Späth die Lösung der drängendsten Probleme auf dem Arbeitsmarkt eher zu als der amtierenden rot-grünen Bundesregierung. In den kommenden Tagen wird Horst Seehofer ins Schattenkabinett, das die Union Kompetenzteam nennt, aufgenommen und will neue Renten- und Gesundheitskonzepte vorstellen. Und als Stoiber am Sonnabend, gemeinsam mit CDU-Chefin Merkel, umzingelt von einigen Tausend Urlaubern, über die Strandpromenade von Binz spaziert, da lösen die ersten Sonnenstrahlen auch den Dauerregen vom Vortag ab. Vergessen sind die Pfiffe der Rostocker. Und kein kritisches Plakat stört den Blick auf die Weite der Ostseeinsel Rügen. „Von hier aus“, ruft eine strahlende Merkel Stoiber zu, „kann man auf ganz Deutschland sehen.“

Richtiges Mitleid

Ob Stoiber am Ende so erfolgreich sein wird, wie es seine Wahlmanager überall auf bunte Plakate geschrieben haben, ist noch nicht ausgemacht. Auch wenn der bayerische Ministerpräsident in den kommenden Wochen auf dutzenden Marktplätzen im ganzen Land verspricht, er will „Deutschland so erfolgreich wie sein eigenes Bundesland“ machen, und Späth den Ostdeutschen zuruft, als Wirtschafts- und Arbeitsminister werde er – wie einst in Jena – bald für jede Region der neuen Länder ein maßgeschneidertes Aufschwung-Konzept durchsetzen: Das Stimmungshoch gründet sich vor allem auf ein tiefes Tal der Sozialdemokratie und ihres grünen Koalitionspartners. „Dem Schröder“, weist der Herausforderer die Menschen auf sein Wahlkampffundament hin, „dem gleiten alle Fäden aus der Hand. Ich habe schon richtig Mitleid mit ihm.“

Mit welchen inhaltlichen Ideen die Union vier Jahre lang regieren und vor allem zeigen will, wie man Reformen umsetzt, erfahren die Zuschauer in Rostock aber kaum. Stoiber meidet, genauso wie seine Vorredner Merkel und Späth, jeden Satz, der da unten vielleicht schief ankommen könnte. Kein Wort über finanzielle Zumutungen für Rentner oder Dauerkranke, ohne die auch die Union das Gesundheitssystem nicht sanieren kann. Nichts über Personalabbau in den finanzklammen Ländern und Kommunen, wo in Verwaltungsämtern Beamte auf Lebenszeit festsitzen und gleichzeitig Kindergärten schließen müssen. Stattdessen ungefilterte Kritik. Das Hartz-Konzept der Regierung zur Reformierung des Arbeitsmarktes nennt Stoiber „Schwachsinn“, obwohl Späth es vor ein paar Wochen noch über die Maßen lobte. Doch wer weiß das schon hier auf dem Marktplatz, wo man zustimmendes Nicken von Müttern und Großmüttern ernten kann, wenn man „Abwanderungsprämien für die jungen Ostdeutschen“ geißelt, die „Söhne und Töchter Mecklenburgs in den Westen treiben“. Und die Telekom, ruft Stoiber Kleinaktionären auf dem Platz zu, „die geht am Krückstock“. Schuld sei die Bundesregierung, und „man muss das ganz anders machen“ mit so einem Unternehmen.

Träume leben auf

Wie und was, sagt er jedoch nicht. Dafür lassen Stoiber und Späth all die Träume aufleben, mit denen schon Helmut Kohl einst die Wähler auf seine Seite zog. Westlöhne würden die Arbeiter in Jena, wo Späth zwölf Jahre lang gearbeitet hat, mittlerweile verdienen. Und die Universitäten müssten ausgebaut werden, weil die „ostdeutschen Wissenschaftler meist besser als die Westler sind“. Ja, und der Transrapid, von dessen Bau sich der Nordosten einst Tausende Arbeitsplätze versprach, bevor die Pläne wegen fehlender Effektivität eingestampft wurden, der sei so „ein technologisches Großprojekt, auf das die Deutschen stolz sein könnten". Wenn die SPD es nicht nach China verkauft hätte.

„Offensive 2002“, sagt Stoiber, hätten „der beste Mann für die Wirtschaft, den ich habe“ (Späth) und er das Konzept zur Schaffung neuer Jobs auch hier genannt. Zwei Milliarden Euro, eine für Investitionen in Ostdeutschland und eine als „Kapitalzuweisung für Mittelständler“, verspricht er den Menschen. Und hofft, dass sie vergessen haben, wie kurz der Aufschwung für Baubetriebe und Handwerker war, die Anfang der neunziger Jahre einen vor allem mit Steuergeldern initiierten Boom erfuhren.

„Vor wem haben die eigentlich Angst“, fragt am Ende ein älterer Mann in Rostock seine Nachbarin. Sowohl Späth als auch Stoiber hatte er begeistert Beifall geklatscht. Und doch trennt ihn ein Eisenzaun, zwanzig Meter vor der Tribüne, von den Promis da oben. Und nur Wahlkampfstratege Michael Spreng spaziert hindurch und prüft mit kritischem Blick, wie sein Boss so rüberkommt.

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