Zeitung Heute : Mehr als Essen

Wie ein Berliner, Ost, diese Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Sofa zu Hause sieht aus… Man kriegt das ja gar nicht mehr raus… Die Butter… Der Käse… Schuld jedenfalls ist, wenn man das so sagen darf, meine Schwiegermutter. Die wollte nicht, dass ihr Sofa mal so aussieht wie mein Sofa jetzt, und außerdem hatte sie Prinzipien. Eines hieß: „Wenn man isst, isst man. Basta“. Das wiederum hieß, dass man jenseits des Esstischs, vorm Fernseher zum Beispiel, auf gar keinen Fall essen durfte. Insgesamt hatte sie sehr viele Prinzipien, so viele, dass ihre Tochter Prinzipien prinzipiell ablehnt. Deshalb dürfen unsere Kinder überall und immer was essen, beim Fernsehen zum Beispiel. Und beim Fernsehen sitzen sie auf dem Sofa…

Es ist sehr schwer als weniger Prinzipiengeschädigter da etwas zu sagen. Ich habe angeregt, jetzt mal das Sofa richtig sauber zu machen und dann noch mal zu überlegen, ob man nicht doch vielleicht in der Küche… wenigstens so lange das kleinere Kind aus Prinzip die Butter auf das Sofa schmiert. Die Mutter des schmierenden Kindes und Tochter meiner Schwiegermutter findet das prinzipiell spießig, und da ich neulich beim Witzigmann war, habe ich überhaupt keine Argumente mehr.

Witzigmann ist dieser dicke Koch, der auch in Berlin, auf dem Leipziger Platz ein Zelt hat aufstellen lassen, das „Witzigmann Palazzo“ heißt. Der „Witzigmann Palazzo“ ist der Zelt gewordene Gegenentwurf zum „Wenn man isst, isst man“. Wer hier isst, der guckt vor allem. Nicht aufs Essen allerdings, sondern auf die Bühne. Da machen die Clowns, die Sänger und die Artisten so auffällige Faxen, so laute zumal, dass einem der Witzigmann selbst fast ein bisschen Leid tut. Der nämlich hat sich die vier Gänge ausgedacht, welche man hier serviert bekommt. Die schmecken nicht nur irre gut, die sehen auch noch aus, als seien sie Spitzenprodukte aus der guten alten Welt des „Wenn man isst, isst man“. Sie rufen einem zu: Guck dir das an! Hier, die sternförmig angeordneten Flusskrebse auf dem Tatar von Balik- Lachs, das frittierte Basilikumblatt auf der getrockneten Tomatenschale auf der Tomatenkruste, und hier, das Dessert mit dem geschnörkelten Schriftzug „Eckart Witzigmann“ auf dem Schokoladenband, welcher das Cappuccinomousse in Tropfenform umwindet! Irre, was?!

Die Clowns, die Sänger und die Artisten auf der Bühne rufen aber lauter: Hier guckst du jetzt her, Banause! Die Muskelnummer unter der Zeltspitze! Die Drag Queen mit der Fünf-Oktaven-Stimme! Der Spaßmacher mit der Fahrradhupe! Dazu hauen sich überall im Zelt die Leute so laut auf die Schenkel, dass allein dies ein konzentriertes „Essen-wennman-isst“ unmöglich macht.

Ich also war beim Witzigmann und meine Liebste, die Mutter meiner beim Fernsehen essenden Kinder, kann nun immer sagen: „Und du selbst? Hä?“ Ich könnte entgegnen: „Aber gekleckert habe ich nicht.“ Das „Wenn man isst, isst man“-Prinzip werde ich trotzdem nicht mehr durchsetzen. Kennt jemand ein gutes Sofareinigungsmittel?

Witzigmann-Palazzo am Leipziger Platz, täglich außer montags 20-23.30 Uhr, Karten ab 109 Euro (Menü inkl., Getränke nicht). Tel.: (01805) 725200.

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