Zeitung Heute : Mehr als Händchen halten

Thomas Hommel

"Wenn alles gut geht", sagt Irmgard Glockenstein, "habe ich nächstes Jahr meinen Abschluss als Diplom-Kauffrau". Ungewöhnlich für eine 47-Jährige, noch ungewöhnlicher für jemanden, der seinen Berufsweg als Krankenschwester begonnen hat. Glockenstein begann ihre Ausbildung zur Krankenschwester 1971 in Nürnberg und bildete sich anschließend an mehreren Orten nebenberuflich bis zur Pflegedienstdirektorin weiter. Heute ist sie Geschäftsführerin im Klinikum Kassel, mit 3700 Mitarbeitern Hessens größtes kommunales Krankenhaus.

Pflege ist, allen Unkenrufen zum Trotz, ein vielseitiger Beruf mit Karrierechancen. Prognosen zufolge wird die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten 20 Jahren auf über drei Millionen ansteigen. Der Pflege jedoch geht der Nachwuchs aus. Immer weniger Auszubildende wollen als Pflegekraft im Krankenhaus, Pflege- oder Altenheim arbeiten. An einigen Pflegeschulen sind die Bewerberzahlen um bis zu 40 Prozent gesunken. Einzige Ausnahme: das Schulungszentrum für Krankenpflegeberufe am Klinikum Nürnberg. Hier ging die Bewerberzahl im vergangenen Jahr nur um acht Prozent zurück. "Noch können wir Ausbildungsplätze besetzen. Doch wir müssen das Image der Pflegeberufe verbessern", sagt Osterbrink.

Das nachlassende Interesse am Pflegeberuf erklärt Osterbrink damit, dass viele noch immer recht anachronistische Vorstellungen von Pflege haben, etwa die von der Händchen haltenden "Oberschwester Hildegard", ausgerüstet mit Fieberthermometer, Spritze und Stethoskop. In den Medien sei die Pflegekraft fast immer eine Krankenschwester, "jung und eher schlicht". Männer hingegen würden nur als Zivis oder Täter in Schlagzeilen wie "Pfleger tötete zehn Patientinnen" auftauchen. Die Folge: "Der Pflegeberuf wird nicht als professionelle, eigenständige Dienstleistung wahrgenommen." Dabei bieten Pflegeberufe nach Überzeugung Osterbrinks "langfristige Perspektiven, denn Krankenpflege wird mehr denn je gebraucht." Das unterstreicht auch Gudrun Gille, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK). "Alle Pflegeberufe bauen auf einer dreijährigen Ausbildung auf, an die sich gezielte Weiterbildungen anschließen, etwa zur Operations-, Anästhesie- und Endoskopieschwester oder zur Stations- oder Pflegedienstleitung."

Interessant, aber kaum bekannt seien die akademischen Karrierechancen in den Bereichen Pflegewissenschaft, Pflegemanagement und Pflegepädagogik. Entsprechende Studiengänge würden heute an mehr als 40 Universitäten und Fachhochschulen angeboten. An manchen könnten Studierende mittlerweile sogar ihren "Dr. der Pflege" machen, berichtet Gille stolz. Doch auch sie weiß um die Probleme der Pflege: "Dringend benötigte Fachkräfte kommen entweder gar nicht, oder sie bleiben nur kurze Zeit." Dafür gebe es zunächst biologische Gründe: "Pflege ist zu 85 Prozent ein Frauenberuf, viele scheiden nach der Schwangerschaft aus oder merken, dass sich die Arbeitszeiten im Krankenhaus oder Pflegeheim nur schwer mit der Familie in Einklang bringen lassen." Hinzu käme, dass der Beruf sehr anstrengend sei, physisch wie psychisch. "Natürlich gibt es auch schöne Seiten, etwa die Freude über eine gut verlaufende Erkrankung." Doch dem stehen belastende Erlebnisse gegenüber, etwa wenn Patienten im Sterben liegen. Viele Pflegende seien nicht ausreichend qualifiziert, um damit fertig zu werden, sagt Gille. Außerdem müsse Pflegearbeit künftig besser bezahlt werden. Die aktuelle Vergütung - eine 28-jährige, ledige Krankenschwester verdient rund 4100 Mark brutto monatlich - sei ein "Witz".

Einen Ausweg aus der Misere wird auch in einer Ausbildungsreform gesehen. Angestrebt wird eine generalistische Bildung, die nicht mehr zwischen Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege unterscheidet, sondern auf einer dreijährigen Grundausbildung aufbaut, analog der medizinischen. Nach dem Examen ließen sich die Grundkenntnisse in verschiedenen Fachrichtungen vertiefen. "Mit diesem Modell erreichen wir auch endlich europäischen Standard", betont Gille. Wichtig sei jetzt, einen neuen Pflegenotstand in Deutschland zu verhindern. "Schon heute fehlen schätzungsweise 100 000 qualifizierte Pflegekräfte."

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