Zeitung Heute : Mehr als nur Adressen, Termine und Notizen

Klaus Angermann

Aktuelle Palm Pilots beherrschen auch E-Mail, Internet und WAP - zumindest in der Light-Version. Beim IIIc sogar in FarbeKlaus Angermann

Jahrzehnte hatte für Manager und andere vielbeschäftigte Menschen die Verwaltung ihrer Zeit einen Namen: Filofax. Mitte der 90er Jahre läutete die Miniaturisierung des Computers einen Trendwechsel ein. Bald sah man ehemalige Filofaxler, die mit einem Plastikstift auf einem flachen, grauen Kästchen mit grünlichem Display herum kratzten. Die Epoche der persönlichen digitalen Assistenten, der PDAs, begann.

1996 brachte die amerikanische Firma Palm Computing mit den Modellen 1000 und 5000 zwei digitale Organizer auf den Markt, die bald als Palm Pilot weltweit bekannt wurden. Palms PDAs können einiges mehr als der Urahn aus Papier: In einem einzigen Mini-Computer werden Tausende Termine, Adressen oder Aufgaben und Notizen verwaltet. Auch zur Buchhaltung eignen sich die Piloten ebenso wie bei aufkommender Langeweile als Gameboy-Ersatz. Diese neu etablierte Marktlücke fand bald Nachahmer; heute ist der Bereich PDA ein sehr lukrativer und heiß umkämpfter Markt. Neben dem marktführenden Piloten mit seinem Betriebssystem Palm OS versuchen sich die Konkurrenzsysteme Windows CE (Microsoft) und Epoc (Psion) zu etablieren. Außerdem existieren einige Palm-Clone anderer Firmen, die das Palm OS verwenden.

Längst beschränken sich die digitalen Assistenten nicht mehr auf die oben genannten Grundfunktionen. Aktuelle Piloten sind hochtechnologisierte Arbeitsmittel, die über Infrarot-Schnittstelle mit Handys oder anderen Geräten kommunizieren können. Kurz mal eben die E-Mails checken, ein wichtiges Dokument durch die Welt faxen oder via WAP die Börsenkurse verfolgen ist somit kein Problem. Und die mitgelieferte Palm Desktop Software ermöglicht die Datenübertragung über Infrarot oder seriell über die Docking Station zum PC.

Palm Pilots sind im Gegensatz zur Konkurrenz mit Speicherkapazitäten bis zu acht Megabyte (MB) vergleichsweise schmalbrüstig ausgestattet. Das fällt allerdings nicht so sehr ins Gewicht, da sowohl das Palm OS als auch die Applikationen extrem schlank sind. Zum Vergleich: 200 Adressen benötigen nur 40 Kilobyte, und das ist mehr als der Speicherbedarf des Systems.

Mittlerweile findet sich bei Palm in der Produktpalette für fast jeden User der passende Organizer. Der Einsteiger wird mit dem hippen IIIe, einem bläulich durchsichtigen PDA mit zwei MB Speicher bedient, der immerhin über 6000 Adressen oder 1500 Notizen verwalten kann und mit 400 Mark relativ erschwinglich ist. Wer es noch farbiger möchte, kann zu dem nagelneuen IIIc greifen, der für stolze 1100 Mark mit einem Farb-Display ausgestattet ist und mit acht MB auch über mehr Speicher verfügt. Die Produktserie V ist dagegen für den professionellen Power-User gedacht. Mit knapp 150 Gramm sowie den geringen Maßen passen die eleganteren V-Modelle besser ins Jacket als die klobigen IIIer.

Der Vorteil der Palm-PDAs liegt in der großen Verbreitung, die nebenbei unzählige Programmierer ernährt. So ist für nahezu jeden Einsatzzweck eine Software-Lösung erhältlich, häufig als kostenlose Freeware oder günstige Shareware. Auch der Zubehörmarkt ist umfangreich bestückt, von der zusammenklappbaren Tastatur bis zum Foto-Aufsatz ist das Sortiment sehr reichhaltig. Allerdings kosten diese Zusätze auch einiges. Ein weiterer Nachteil ist, dass Palm immer noch auf den Einsatz von eingebauten Standardschnittstellen wie CompactFlash oder PC Card verzichtet; da ist die Konkurrenz schon einen Schritt weiter.

Der IIIc: Bunt macht edel

Was lange währt, wird endlich gut, hat sich Palm gedacht und nach vielen Jahren seine Produktpalette um einen Organizer mit farbigem Display erweitert. Besitzer älterer Modelle wie beispielsweise dem "Professional" seien an dieser Stelle gewarnt: Wer einmal mit dem Farb-Display des neuen IIIc gearbeitet hat, wird an seinem "alten" Monochrom-Display nur noch wenig Freude haben.

Aber ist der neue Palm-Star auch sein Geld wert? Neu ist das gut lesbare farbige TFT-Display mit 256 Farben. Über einen Schieberegler ist die Helligkeit stufenlos an die jeweiligen Lichtverhältnisse anpassbar, trotzdem fällt die unzureichende Entspiegelung bei allzu schöner Sonne oder starkem Glühlampenschein etwas negativ auf. Der Datenabgleich mit dem PC kann neuerdings auch über die integrierte Infrarot-Schnittstelle durchgeführt werden. Für Palm-Verhältnisse sind üppige acht MB Speicher installiert. Der Lithium-Ionen-Akku bietet je nach eingestellter Helligkeit über 10 Stunden Betriebszeit und wird über die Docking-Station aufgeladen.

Die Soft- und Hardware-Ausstattung, die der Palm im Lieferzustand mitbringt, kann man - wie bei Palm leider üblich - im Vergleich zur aufrüstenden Konkurrenz als etwas karg bezeichnen. Sprachmemofunktionen direkt am Gerät sucht man wie die Möglichkeit einer transportablen Speichererweiterung via Flash-Card vergebens. Da der neue Farbkünstler größtenteils baugleich mit der übrigen IIIer Serie ist, kann der User auf umfangreiches Zubehör wie beispielsweise integrierbare Sprachrekorder zurück greifen. Besonders praktisch ist die neue vierteilige Falttastatur (rund 200 Mark), die zusammengeklappt etwa so groß wie der Pilot selbst ist und den kleinen digitalen Assistenten in ein richtiges Schreibgerät verwandelt.

Über den Hotsync kann das Mail-Programm des neuen Betriebssystems Palm-OS 3.5 mit dem Desktop synchronisiert werden. Wer ein Handy mit Infrarot-Schnittstelle und integriertem Modem besitzt, kann auch unterwegs schnell mal seine E-Mails prüfen und Börsenkurse oder Kochrezepte im WWW nachschauen. Reichhaltige Software-Pakete vom WAP-Browser bis zu verschiedensten E-Mail-Clients sind ärgerlicherweise nicht mitgeliefert und müssen erst selbst aus dem Internet besorgt werden. Dafür ist der Umfang verschiedenster Software riesengroß. Erfreulicherweise kosten die meisten Anwendungen selten mehr als 30 Dollar, zudem gibt es viel nützliche Freeware-Applikationen. Ist die entsprechende Software installiert, geht es auch ohne Probleme ins Netz - wenn man weiß wie. Hier zeigt sich der Nachteil zu den Windows CE-Geräten, wo der Netzzugang über ein DFÜ-Netzwerk relativ einfach zu bewältigen ist; beim bunten Piloten ist man ohne das umfangreiche Handbuch aufgeschmissen.

Fazit: Der neue Farbstar am Organizer-Himmel kann auf Anhieb überzeugen, das Display begeistert. Da nimmt man in Kauf, dass es etwas besser entspiegelt sein könnte. Oder dass die Grundausstattung zwar das Wichtigste enthält, aber Programme wie ein leistungsfähiger Browser als Extra nachträglich organisiert werden müssen. Neueinsteiger müssen sich allerdings umstellen, weil anders als bei Windows CE das Wenigste vom PC her bekannt ist und Applikationen sowie vor allem die Einstellungen nicht immer intuitiv bedienbar sind.

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