Zeitung Heute : Mehr als nur Laborarbeit

Berliner Firmen stellen ein – Wissenschaftler, Controller und Vertreter

Meike Laaff

Branchen, in denen sich die Zahl der Beschäftigten in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt hat, gibt es in Berlin nicht viele. Die Biotechnologie-Industrie ist eine davon. Denn auch wenn sie mit 174 Unternehmen und knapp 3500 Angestellten in Berlin und Brandenburg relativ kompakt ist, so entwickelt sie sich doch stetig. Ein Beispiel für die schnelle Expansion auf dem Sektor ist die Berliner Biotechnologie-Firma Jerini, die medizinische Wirkstoffe auf Basis von Peptiden entwickelt. In den letzten drei Jahren stieg die Zahl ihrer Mitarbeiter von etwa 80 auf 140. „Unser Unternehmen hat sich sehr erfolgreich entwickelt“, sagt Jerini-Unternehmenssprecherin Stacy Wiedenmann und erzählt von dem ersten Medikament, das ihre Firma im Falle einer erfolgreichen Zulassung 2008 auf den Markt bringen möchte. Das wäre ein Wachstumsschub für das Unternehmen – und so stellt es schon jetzt Vertriebsexperten, aber auch Mitarbeiter in anderen Bereichen ein. Doch Wiedenmann räumt ein, dass ihr Unternehmen nicht typisch für die Biotechnologie-Branche der Hauptstadt ist: „Im Vergleich mit vielen Biotech-Firmen in Berlin haben wir schon eine andere Entwicklungsstufe erreicht.“

Die Mehrzahl davon ist in der sogenannten roten Biotechnologie aktiv, also im Bereich Pharmazie und Medizin – eine Zukunftsbranche, in der sich die Region Berlin-Brandenburg zu einem der wichtigsten Standorte Deutschlands entwickelt hat. Doch noch steckt der Wirtschaftszweig mitten in seiner Entwicklungsphase: Über die Hälfte der Firmen beschäftigen nicht mehr als zehn Mitarbeiter, fast alle sind kleine oder mittelständische Unternehmen. Insgesamt arbeiteten 2006 nur 3427 Angestellte in den Biotechnologie-Firmen von Berlin und Brandenburg, so die aktuelle Branchenstudie von Biotop, der zentralen Koordinationsstelle für Biotechnologie in der Region.

Eine enttäuschende Entwicklung für alle, die Ende der 1990er Jahre in der Biotechnologie einen Jobmotor gesehen haben, der der Hauptstadtregion bis zu 10 000 Beschäftigte bescheren sollte. Doch das ist kein überraschendes Ergebnis, meint Günther Peine, stellvertretender Leiter von Biotop: „Das hat auch damit zu tun, dass es eben eine sehr technologielastige Branche ist“, sagt er. Dadurch könnten Biotechnologie-Firmen ihre Labors auch mit einem schlanken Mitarbeiterstamm betreiben. Und so wird die Zahl der Beschäftigten nur langsam größer, trotz einer kräftigen Zuwachsrate der Angestellten von sieben Prozent im letzten Jahr. „Vor allem die größeren Unternehmen stellen derzeit ein“, sagt Biotop-Vize Peine. Gefragt seien derzeit vor allem Mitarbeiter im technischen Bereich, „gute Fachkräfte, die den Laborbetrieb aufrecht erhalten“, vom medizinisch-technischen Assistenten bis hin zum ausgebildeten Techniker. Aber auch für Wissenschaftler gebe es immer wieder Stellen.

Die Firma Invitek sucht aktuell Mitarbeiter auf einem ganz anderen Feld. Um ihre selbst hergestellten DNA-Produkte für Forschungszwecke und Diagnostik deutschlandweit besser verkaufen zu können, sucht Invitek zusätzlich zu seinen derzeit 27 Angestellten Handelsvertreter, sagt Sonja Krabbes, zuständig für Public Relations und Marketing bei Invitek. Keine leichte Aufgabe – denn es sei schwer, Bewerber mit einem biotechnischen Bezug zu finden, sagt Krabbe. Doch gerade die nicht-wissenschaftlichen Stellen seien eine interessante Jobperspektive für Biotechnologie-Absolventen: „Viele Absolventen denken, dass sie nach dem Studium im Labor arbeiten, dabei gibt es da die wenigsten Arbeitsplätze.“ In ihrer eigenen Firma etwa arbeitet nur die Hälfte aller Mitarbeiter im Labor. Die restlichen Mitarbeiter kümmerten sich um Controlling, Marketing und Betrieb – ebenso wie Krabbe selbst haben auch in diesen Positionen viele Kollegen eine biotechnische Ausbildung.

Bei Jerini ist ebenfalls jeder zweite Mitarbeiter außerhalb des Labors beschäftigt und auch aktuell hat die Firma Stellen in unterschiedlichen Bereichen ausgeschrieben. Von einem Fachkräftemangel, über den andere Branchen schon heute klagen, spürt Unternehmenssprecherin Wiedenmann nichts – vor allem nicht im technischen Bereich. Geeignete Bewerber für den Sektor Regulatory Affairs zu finden, also für Aufgaben rund um die Zulassung von Medikamenten, sei schon schwieriger. Doch generell profitiere Jerini von den vielen gut qualifizierten Leuten in der Region, sagt sie. Das sei angesichts der gut ausgebildeten Forschungslandschaft in Berlin-Brandenburg aber auch nicht verwunderlich, meint Branchenkenner Peine. So gut wie hier seien Wissenschaft und Industrie in der Biotechnologie kaum irgendwo anders vernetzt, meint er. Wegen dieser Faktoren und der Bereitschaft von Investoren, neue Produkte und Firmen zu fördern, blickt Peine optimistisch in die Zukunft auf dem Biotechnologie-Arbeitsmarkt: „Es wird weiter nach oben gehen. Aber in geringen Raten.“

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