Zeitung Heute : Mehr als nur verdrahtet

Niko Deussen

Der Datenaustausch macht aus einem ganz normalen Eigenheim ein "Internet-Haus"Niko Deussen

Reden Ist Doch Gold. Nicht nur im menschlichen Miteinander. Auch in der Haustechnik könnte das der Schlüssel zu den Märkten von morgen sein. Wenn nämlich Versorgungssysteme und Verbrauchsgeräte aus ihrem Eremitendasein geholt werden und über digitalen Datenaustausch untereinander und mit den Hausbewohnern kommunizieren. Moderne Mikrotechnik, so die Vision der Informations-Ingenieure, erweckt die Einfamilienhäuser zum elektronischen Eigenleben.

Da wird die Heizung auf Sparflamme gedrosselt, wenn die Familie zu einem Ausflug aufbricht. Da springt die Kaffeemaschine an, und die Zimmerbeleuchtung wird an das einfallende Tageslicht angepasst, sobald die Außenkameras die Rückkehr der Residenten melden. Sogar das Klo könnte per Internet die Hausarztpraxis alarmieren: "Zucker im Urin!" Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Schon seit den achtziger Jahren kreist die Idee des Intranet, des hausinternen Netzes zum Datentransport, in den Köpfen der Informationstechniker.

Doch bei den "Häuslebauern" fand der Gedanke nicht so richtig Resonanz. Während das Internet ungestüm nach vorne drängt, verharren die Reihenhäuser im elektronischen Dornröschenschlaf. "Es ist durchaus möglich, sich die Wetterdaten aus Honolulu auf den Bildschirm zu holen", sagt Klaus Scherer vom Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS), "während es meist keine Möglichkeit gibt, sich die Verbrauchswerte der eigenen Heizung auf den Bildschirm des PC zu holen. Bisher gibt es nur interessante Visionen, wenig konkrete Anwendungen mit nachgewiesenem Nutzeffekt und fast keine intelligenten Häuser mit durchgängiger Vernetzung."

Um die Varianten einer Haus-Automatisierung auszuloten, haben sich die Fraunhofer-Ingenieure in Duisburg einen Experimentier-Freiraum geschaffen: Vor einigen Wochen war Richtfest beim "in-Haus-NRW". Die eine Hälfte des "intelligenten" Doppelhauses wird nach der Fertigstellung zum technischen Zentrum ausgebaut, während die andere später als Wohnlabor dienen soll. In der Technik-Hälfte möchten die Fraunhofer-Forscher erkunden, mit wie viel Aufwand sich die handelsüblichen Haushaltsgeräte und die gängigen Versorgungseinrichtungen zum Datenaustausch bewegen lassen. Wenn der Wohntrakt im Herbst nächsten Jahres bezogen ist, werden dort nach und nach verschiedene Automaten-Arrangements mit unterschiedlichen Vernetzungen erprobt.

Im Alltag soll sich dann zeigen, wie viel Eigenständigkeit ihrer elektronischen Haushaltshelfer die Bewohner verkraften. Für den Informationstransport auf den hauseigenen Daten-Highways können die IMS-Ingenieure auf unterschiedliche Bus-Systeme zugreifen. Busse spielen bei der Kooperation von Geräten die zentrale Rolle: Sie managen den Datenfluss. An ihren Haltestellen, den Netzknoten, empfangen Versorgungseinheiten und Haushaltsautomaten ihre Steuerbefehle und machen ihre Zustandsmeldungen.

Doch die Vielfalt der Angebote ist auch ein Hemmschuh. Solange die Firmen nicht wissen, welchen Bus ihre Geräte nehmen sollen, zögern sie bei der Entwicklung kooperationsfähiger Haushaltstechnik. Mit CeBus und LON wollen amerikanische Hersteller den europäischen Markt erobern, die japanischen Entwickler setzen auf HBS und TRON. In Europa konkurrieren vor allem BatiBus, European Home System (EHS) und der European Installation Bus (EIB). Auch Software-Systeme aus der PC-Vernetzung wie Ethernet drängen in die hausinternen Netze. Selbst die Transportwege unterscheiden sich voneinander. Daten können ebenso gefunkt wie durch Glasfasern und Stromkabel übertragen werden.

Für einen zukünftigen Massenmarkt haben die elektrischen Leitungen einen klaren Vorteil. Es müssen nicht extra Wände aufgestemmt werden, um neue Kabel zu ziehen, und keine Funkchips überall im Haus verteilt werden. Die Kupferkabel verfügen über genügend freie Kapazitäten für den Bit-Verkehr, denn der Stromtransport erfolgt über bestimmte Frequenzen, die anderen Wellenbereiche liegen derzeit brach. Ähnlich wie schon beim "Babyphone" - nur in besserer Qualität - ließen sich die Bits quer durchs Haus und sogar zu außerhäusigen Servicecomputern schicken.

Auch den Stadtwerken würde so die Arbeit erleichtert: Sie brauchten beispielsweise keine Stromableser mehr durch die Gemeinde schicken. Für Jini (Java Intelligent Network Infrastructure), ein Softwarepaket auf der Basis der Programmiersprache Java, ist es gleichgültig, ob das Intranet mit Glasfibern, Stromkabeln oder Funksignalen arbeitet. Einzige Voraussetzung: Es muss Java verstehen. In den Chips der Jini-fähigen Gerätschaften und Versorgungskomponenten verbergen sich kleine Java-Programme, mit denen sie sich gegenseitig erkennen. Über Jini steht die Service- und Steuer-Software eines Automaten auch allen anderen zur Verfügung. Doch die FHG-Ingenieure wollen kein System bevorzugen, sondern so viel Kombinationen wie möglich ausprobieren. "Wir schaffen Brücken zwischen den Geräten verschiedener Hersteller und zwischen verschiedenen Bussystemen und Netzen", so Robert Hildebrand vom IMS.

Schon in ein paar Jahren wird sich im Vollkomforthaus das Intranet um den Abwasch kümmern, während sich die Familie an einem aus dem Internet heruntergeladenen Video erfreut. Bis die Spülmaschine während des Spielfilms funkt: "Geschirr fertig gespült." Und nach einer kleinen Verlegenheitspause anfügt: "Von den teuren Weingläsern ist eins entzwei."

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