Zeitung Heute : Mehr als Stellfläche für Windparks

Der Osten könnte stärker vom Boom der erneuerbaren Energien profitieren, behauptet Benjamin Nölting.

Sybille Nitsche
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Klimafreundlich. In den östlichen Bundesländern gibt es viele Anlagen, um aus Wind und Biogas Strom zu erzeugen.Foto: p-a/dpadpa-Zentralbild

Als 2001 drei TU-Absolventen in der Nähe von Wolfen begannen, die Solarfirma Q-Cells aufzubauen, waren da viel weites Land und eine zu DDR-Zeiten heruntergewirtschaftete Filmfabrik mit ehemals 20 000 Arbeitsplätzen. Doch nun, nach acht Jahren, ist dort ein Zentrum für Solarindustrie und Solarforschung entstanden. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik haben sich zusammengetan und sind seit dem Auszug der drei Westler in den Osten dabei, das „Solarvalley Mitteldeutschland“ aufzubauen. Es erstreckt sich über Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Rund 26 Unternehmen, zwölf Forschungseinrichtungen, fünf Universitäten und mehrere Hochschulen sind beteiligt.

Aber auch in Mecklenburg-Vorpommern mit der Solon AG oder in Brandenburg mit First Solar gibt es starke Standorte der Solarindustrie. „Die Entwicklung und Produktion von Solaranlagen ist in Ostdeutschland zu einem Wirtschaftsschwerpunkt geworden“, sagt Benjamin Nölting.

Der Politologe, der den an der TU Berlin angesiedelten „Innovationsverbund Ostdeutschland“ leitet, hat untersucht, inwiefern erneuerbare Energien zu einer Schwerpunktindustrie in Ostdeutschland werden könnten. Er tat das sowohl hinsichtlich der Entwicklung und Produktion von Anlagen als auch hinsichtlich ihrer Nutzung als Energielieferant. Und Nölting hat Gutes zu berichten: Ostdeutschland könne einen Erfolg versprechenden Weg einschlagen, wenn es sich als eine Leitregion für erneuerbare Energien profilieren würde.

Auf der Haben-Seite für seine Prognose verbucht der Forscher, dass 21 Prozent des gesamten Stroms der 2005 in Deutschland aus erneuerbarer Energie gewonnen wurde, aus Ostdeutschland kam. Bereits 2006 führten die drei ostdeutschen Länder Mecklenburg-Vorpommern (34 Prozent), Thüringen (24 Prozent) und Sachsen-Anhalt (23 Prozent) die Rangliste der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien an. Die wichtigsten erneuerbaren Energieträger sind zwischen Oder und Elbe Windkraft (37 Prozent), feste Biomasse (35 Prozent) und Biogas (20 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern befindet sich eine der größten Biogasanlagen und in Sachsen unweit von Leipzig der größte Solarpark der Welt.

Problematisch sei allerdings, sagt Nölting, dass die wachsende Nutzung in einem eklatanten Missverhältnis stehe zu den geschaffenen Arbeitsplätzen sowie zur Wertschöpfung für die Regionen und nennt ein Beispiel: „Würde man den Anteil der Arbeitsplätze der gesamten Windenergiebranche auf den Anteil der in der Prignitz installierten Windenergiekapazität umrechnen, dann müsste es in dem brandenburgischen Landkreis mehr als 1000 Stellen in diesem Wirtschaftssektor geben“, sagt Nölting. „Aber so ist es bei Weitem nicht.“

Warum die ostdeutschen Regionen von Windparks oder riesigen Biogasanlagen wirtschaftlich zu wenig profitierten, liege daran, dass die gesamte Wertschöpfungskette – Projektierung, Finanzierung, Produktion, Montage, Wartung und Reparatur – nicht von Firmen in Ostdeutschland vorgenommen werde. Wenn der Osten tatsächlich zur Leitregion werden wolle, müsse er mehr sein als nur Stellfläche für Windräder, sondern auch der Ort, wo sie „politisch, ökonomisch und sozial verankert werden“.

Dass es möglich ist, die erneuerbaren Energien in die regionale Wirtschaft zu integrieren, zeigt die Solarindustrie und das bereits genannte Beispiel „Solarvalley Mitteldeutschland“, wo Solaranlagen eben nicht nur aufgebaut werden, sondern der gesamte Zyklus von der Forschung über die Entwicklung bis zur Produktion stattfindet. Laut Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung kommen immerhin 80 Prozent der deutschen und etwa 18 Prozent der weltweit produzierten Solarzellen aus Firmen in Ostdeutschland und bis 2012 werden 15 000 neue Arbeitsplätze in der ostdeutschen Photovoltaikbranche erwartet. Im Jahr 2008 waren es 14 000 Beschäftige einschließlich der Zulieferindustrie.

An dieser Erfolgsstory ist Q-Cells nicht unbeteiligt. Benjamin Nölting hat die Geschichte der TU-Gründer aufgeschrieben für den Sammelband „Zukunft erfinden. Kreative Projekte in Ostdeutschland“, der jetzt im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls herausgegeben wurde. Er ist erschienen im Ch. Links-Verlag und kostet 16,90 Euro. Sybille Nitsche

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