Zeitung Heute : „Mehr Autonomie und Geld für deutsche Universitäten“

Ein Gespräch mit Malcolm Grant, Präsident des University College London, über die britische Hochschullandschaft

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Im bundesweiten Exzellenzwettbewerb hat die Freie Universität Berlin als eine von zehn Hochschulen die Endrunde erreicht. Für ihren Weg in die Zukunft holt sich die Freie Universität Rat von einem eigens gegründeten International Council. An dieser Stelle präsentieren wir Mitglieder dieses Gremiums: weltweit renommierte Hochschulmanager und Wissenschaftler. Anlässlich des letzten Meetings des International Councils in Berlin sprach Ilka Seer mit Professor Malcolm Grant, Präsident des University College London (UCL).

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Herr Professor Grant, mit welchen Erwartungen sind Sie an die Freie Universität Berlin gekommen?

Ich hoffe, viel zu lernen. Ich wusste über deutsche Hochschulen leider wenig, bis ich vor zwei Jahren mit der Freien Universität Berlin – die übrigens in Großbritannien einen sehr guten Ruf hat – gemeinsame Master-Studiengänge plante. Ich habe damals schon sehr viel gelernt über die Probleme, die bei solchen internationalen Projekten auftauchen, weil jeder seine Studiengänge anders strukturiert und inhaltlich gewichtet. Interessanterweise fragen wir uns am Ende aber alle dasselbe, nämlich: Wie ist eine Universität am besten für das 21. Jahrhundert gerüstet?

Welche persönlichen Herausforderungen sehen Sie?

Ich möchte herausfinden, was es an deutschen Universitäten bislang für Probleme gab. Die meisten ausländischen Akademiker an britischen Universitäten stammen aus Deutschland, auf Platz zwei folgt China. Vielleicht liegt das daran, dass deutsche Universitäten mehr Autonomie, bessere finanzielle Förderung und bessere Möglichkeiten für die interdisziplinäre Forschung brauchen? In Großbritannien verfügen Universitäten über ziemlich viel Autonomie. Das ermöglicht ihnen, eigene Prioritäten zu setzen. Zugleich befinden sie sich in einem permanenten Exzellenzwettbewerb.

Das ist ein gutes Stichwort: Was halten Sie von dem deutschen Exzellenzwettbewerb?

Ich glaube, dass die zusätzlichen Fördermittel für die Universitäten, um die es ja bei diesem Wettbewerb geht, nicht ausreichen. Außerdem sollte der Wettbewerb nur der Anfang sein, um einen Weg zu ebnen, der weit über die nächsten fünf Jahre hinausgeht.

Was sind die Besonderheiten des britischen Universitätssystems?

Ich glaube nicht, dass man wirklich von einem „System“ sprechen kann. Inzwischen gibt es in Großbritannien ganze 160 Institutionen mit Universitätsstatus. Heutzutage können nämlich Unternehmen ihre eigenen Universitäten gründen. Die haben aber nichts mehr mit einer „klassischen“ Universität zu tun. Das System ist also nicht so homogen, wie es aussieht – und trotzdem gibt es natürlich Bereiche, die homogen sind. Das betrifft insbesondere die Universitäten der so genannten Russell Group, einer Gruppe von 19 Forschungsuniversitäten. Zu ihnen zählen Oxford, Cambridge, Edinburgh…

Ist das die Yvy League in Großbritannien, also das Pendant zu den acht Spitzenuniversitäten in den Vereinigten Staaten?

Manchmal wird die Russell Group so genannt, aber eigentlich ist das nicht richtig. Die Gruppe formierte sich 1994. Inzwischen ist sie ziemlich einflussreich – auch wenn sie längst nicht so einflussreich ist wie sie sein könnte. Das wollen wir jetzt ändern. Wir werden die Russell Group zu einem Think Tank der Hochschulbildung und zu einer effektiven Lobby-Gruppe der Forschungsuniversitäten umgestalten. Im Juli werde ich den Vorsitz der Gruppe übernehmen.

Wie garantieren die Universitäten in Großbritannien Exzellenz?

In der Forschung gibt es nur einen Weg, Exzellenz zu garantieren, und zwar über den Wettbewerb um Finanzmittel. Dafür gibt es zwei Modelle: Bei dem einen konkurrieren Wissenschaftler direkt um Drittmittel für Forschungsprojekte. Das sind zusätzliche Gelder von der Regierung, von Stiftungen oder von der Industrie. Das andere, indirekte Modell ist ein ziemlich teures Unterfangen: Alle sieben bis acht Jahre überprüft eine unabhängige Institution die Forschungsleistungen eines jeden einzelnen Wissenschaftlers einer britischen Universität. Daraus ergibt sich eine Rangliste der einzelnen Institute und Fachbereiche, nach der zusätzliche Forschungsgelder des Staates verteilt werden. Das sind insgesamt etwa 150 Millionen Euro pro Jahr.

Wie bewerten Sie dieses Verfahren?

Es hat Vor- und Nachteile. Auf jeden Fall hat dadurch in den vergangenen 20 Jahren die Forschung an britischen Universitäten einen höheren Stellenwert bekommen.

Welche Strategie verfolgen Sie, um hochkarätige Forscher an Ihrer Universität zu halten und neue für sich zu gewinnen? „Brain drain“, „brain gain“ und „brain re-gain“ werden heute in der deutschen Wissenschaft viel diskutiert. Ist das auch ein Thema in Großbritannien?

Als UCL-Präsident kann ich – anders als meine Kollegen in Oxford und Cambridge – direkt mit unserem akademischen Personal verhandeln und entscheiden, was wir individuell zahlen. In Großbritannien versuchen alle Institutionen, Forscher anderer Einrichtungen abzuwerben. Glücklicherweise sind unsere Wissenschaftler ziemlich beständig. Sie bleiben gerne am UCL. Und wenn mal einer unserer Wissenschaftler ein Angebot einer international renommierten Uni erhält und mir der Dekan signalisiert, dass wir ihn halten sollten, spreche ich mit ihm über seine Perspektiven.

Wie sieht es mit den Studierenden aus?

Wir können uns kaum retten vor Bewerbungen. Zum Beispiel in Wirtschaftswissenschaften kommen auf 150 Studienplätze 1900 Bewerbungen. Ein zweites Beispiel: Mit renommierten amerikanischen Universitäten haben wir Vereinbarungen. Sie schicken ihre Studierenden für ein Jahr zu uns – viele von ihnen kommen später zurück, um zu promovieren.

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