Zeitung Heute : Mehr Bildung für mehr Demokratie Ein Grußwort von Michail Gorbatschow

Gern zu Gast in der Urania: Michail Gorbatschow bei einem Vortrag 2009. Foto: Urania
Gern zu Gast in der Urania: Michail Gorbatschow bei einem Vortrag 2009. Foto: Urania

Ich gratuliere den Leitern und den zahlreichen Besuchern und Freunden der Gesellschaft Urania zum 125-jährigen Jubiläum ihrer Gründung.

Damals, Ende des 19. Jahrhunderts, war das ein wahrhaft revolutionäres Ereignis. Es entstand eine Einrichtung, die in allgemein zugänglicher Form ein breites Publikum mit den Entdeckungen und Erfindungen der neuesten Wissenschaft und Technik bekannt machte. Die Urania wirkt aktiv bis in unsere Tage. Und das ist ein Beweis dafür, dass im Jahre 1888 ein weitsichtiger Beschluss gefasst wurde. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik beschleunigt sich ständig; neue Theorien und neue Technologien werden immer komplizierter, immer schwerer verständlich.

Hier kommt die Urania zu Hilfe. Das ist auch notwendig, damit die einfachen Bürger, die „Nichtspezialisten“, eine Vorstellung von den neuesten Errungenschaften auf verschiedenen Wissensgebieten erhalten. Ein Mensch, der mit Wissen ausgestattet ist, hat ein wahrheitsgetreueres Bild der ihn umgebenden Welt. Der aufgeklärte Mensch wird ein bewussteres und aktiveres Mitglied der Gesellschaft. In ihm entsteht der Wunsch – und die Möglichkeit –, den Lauf seines eigenen Lebens und das des Staates zu beeinflussen. Auf diese Weise befördert Bildung die Demokratisierung der Gesellschaft.

Als ich Mitte der 1980er-Jahre gemeinsam mit Kollegen in der Führung der Sowjetunion mit einer Initiative für tiefgreifende Reformen auftrat – sie wurden unter dem Begriff „Perestroika“ bekannt – war eine unserer wichtigsten Aufgaben, in den Prozess der Umgestaltung die breiten Massen einzubinden. Der wissende, bewusste Mensch – das ist der Bürger, der die Gesellschaft und den Staat zum Besseren ändern kann. Der Aktivierung bewusster Bürger in den Jahren der Perestroika diente auch, wie Sie sich erinnern werden, die Glasnost. Ich schätze die Bedeutung der Bildung sehr hoch, auch die wissenschaftliche, der die Tätigkeit der Urania gewidmet ist. Wir werden auch nicht vergessen, dass wissenschaftlicher Austausch das wichtigste Instrument zur Festigung des gegenseitigen Verständnisses der Völker ist.

Ich muss zugeben, dass mir die „Idee Urania“ auch persönlich sehr nahe ist. Der Durst nach Erkenntnis, Wissbegier und die Liebe zum Lesen waren mir von Kindheit an eigen. Tatsächlich musste ich während des Zweiten Weltkrieges, als die Armee Nazideutschlands das Gebiet Stavropol und mein Heimatdorf Privolnoe okkupiert hatte, zwei Jahre Schulzeit auslassen. Doch mit umso größerem Eifer nahm ich mich nach der Befreiung der Lehrbücher an. Das Ergebnis: Ich beendete die Schule mit einer Silbermedaille und begann ein Studium an der bekanntesten Bildungseinrichtung des Landes: an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität.

Die Universität steckte zwar in den Zwängen des stalinschen Regimes, doch sie war gleichzeitig Heimstatt des freien Denkens. Dieses wurde den angehenden Studenten von jungen Soldaten nahegebracht, die aus dem Krieg heimkehrten. Ich beschäftigte mich an der juristischen Fakultät mit Begeisterung mit der Wissenschaft. Genauso begeistert befasste sich Raisa mit Philosophie – wir heirateten noch als Studenten.

Dann war mein ganzes Leben der Politik gewidmet. Nur wenige wissen, dass ich auch in jenen Jahren den Gedanken an wissenschaftliche Arbeit nie aufgegeben habe; ich wollte ernsthaft wegen der Wissenschaft aus der Politik ausscheiden. Doch das Schicksal wollte es anders. Im Verlauf der letzten 20 Jahre bin ich wiederholt mit Vorträgen in der Urania aufgetreten. Und mit Stolz erinnere ich mich daran, dass nicht nur der Hauptsaal vollkommen gefüllt war, sondern auch die benachbarten Säle, in denen eine Videoübertragung lief.

Der Autor war Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und von März 1990 bis Dezember 1991 Präsident der Sowjetunion. 1990 erhielt er den Friedensnobelpreis.

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