Zeitung Heute : Mehr Disco

Bread & Butter und Premium: Am ersten Tag der Modewoche besuchten wir die beiden Platzhirsche unter den Messen.

NORDISCHER STIL Die Bread & Butter ist laut und zeigt viel Fell. Parka und Strickpullover sind ein Muss. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
NORDISCHER STIL Die Bread & Butter ist laut und zeigt viel Fell. Parka und Strickpullover sind ein Muss. Foto: Kitty...

Als wären sie extra für diesen kalten Januarmorgen entworfen worden: Felljacken und Parkas soweit das Auge reicht vor den Toren des Tempelhofer Flughafens. Menschen in Bärenfellmützen, Pelzkapuzen, große schwere Boots warten auf die Eröffnung der Bread & Butter. Der Einlassbereich der Modemesse könnte einem Treffen gut angezogener Forstarbeiter aus Kanada ähneln – wenn, ja wenn da nicht die vielen Herrenhandtaschen wären. Schultergurte scheinen in diesem Jahr ein No-Go für die männlichen Besucher der Modemesse zu sein, von praktischen Rucksäcken ganz zu schweigen.

Auch drinnen trifft die laute Musik und das industrielle Flughafendesign vor allem auf nordischen Flair: Kunstschnee und Motorschlitten beim Aussteller New Zealand Auckland (NZA), eine große Video-Wand mit auf dem Bauch rutschenden Pinguinen bei Hilfiger Denim, vor der Wand laufen Jeans-Models Hand in Hand auf einer Eisfläche Schlittschuh. In den großen Hallen des ehemaligen Flughafengeländes ist fast alles möglich. „Es ist ein skandinavisches Universum hier“, jubelt der Vertriebsmanager des dänischen Labels „Junk de Luxe“. Das Zielpublikum stehe absolut auf den nordischen Stil und wenn ein modischer Däne zur Fashion Week nach Berlin wolle, dann sage er inzwischen nicht mehr „Ich fliege nach Berlin“ sondern „Ich fliege zur Bread & Butter“. Tatsächlich hält sich der Großteil der Besucher trotz 25 Grad Raumtemperatur auch drinnen streng an das winterliche Konzept – wer sich überwindet, den teuren Parka an der Garderobe zurückzulassen, zeigt seinen Strickpullover mit Zopfmuster. Untenrum trägt der Messebesucher mehrheitlich Jeans, schließlich ist „Denim“ ein traditioneller Schwerpunkt der Messe, die es jetzt seit insgesamt elf Jahren gibt. Es gibt im Publikum wenig Abweichungen von diesem Konzept, wenig Extravaganzen und damit auch fast keine richtigen Irritationen. So gut wie keine ultrahohen High Heels – außer an den Models und Messehostessen – und die knallpinken Gummistiefel, die vielleicht endlich eine Geschmacksverirrung oder zumindest ein Streitfall sein könnten, treten auch gleich zu zehnt auf und werben für einen Schuhhersteller, der sonst wenig Buntes zeigt. Viele der „Bread & Butter“-Aussteller und Besucher sind damit auf ihre Weise sehr linientreu. „Wir sind schon seit sechs Jahren hier“, erzählt der Mode-Däne weiter. „Davor waren wir einmal auf der anderen Messe, aber das war ein Fehler.“

Die andere Messe, das ist die Premium. 15 Autominuten vom Tempelhofer Flughafen entfernt, mehr Aussteller, niedrigere Decken, die weniger Streetwear, dafür mehr „Premium“ verspricht. Tatsächlich wächst die Höhe der Absätze auf dem Weg zum Gleisdreieck leicht, der verpflichtende Parka wird des öfteren von einer gesteppten lackglänzenden Daunenjacke abgelöst. Doch eigentlich auch hier: junge Menschen, viel Trubel, Strickjacken. Ein bisschen mehr Kaschmir vielleicht.  Neu sind die Herrensakkos, Einstecktücher und Krawattenstände. Sonst erschließt sich die Trennschärfe dem ungeübten Besucher nicht unbedingt. Warum verkauft ein nordischer Anorakhersteller zum Beispiel hier auf der Premium und nicht auf der Bread & Butter (und passt damit nicht in die gerade gefundenen Unterscheidungen)? „Uns trägt man mehr zu Stoffhosen“, erklärt der Marketing-Chef. „Nicht so sehr zu Jeans.“ Einkäuferin Nicole Thoben, die für eine Boutique aus dem Städtchen Lingen an der Ems unterwegs ist, besucht wie die meisten Einkäufer sowieso beide Messen. „Die Premium ist wichtiger für uns, weil wir hier gezielter suchen können, es gibt mehr und kleinere Aussteller.“ Und die Bread & Butter? „Das ist dafür alles spektakulärer aufgezogen und lauter“, sagt sie. „Sie ist aber auch jünger und macht daher mehr Spaß“. Beim Weggehen dreht sie sich nochmal um und sagt: „Einfach mehr Disco, verstehen Sie?“

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