Zeitung Heute : „Mehr Freiheiten“

Elternsprecher Ernst Brenning über die Vorzüge und Probleme von Privatschulen

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Herr Brenning, Berlins Schülerzahlen gehen zurück, viele Schulen werden zusammengelegt oder geschlossen. Trotzdem steigt die Nachfrage nach Privatschulen. Woran liegt das?

Privatschulen haben mehr Freiheiten bei der Lehrplangestaltung. Sie können die Stundenpläne flexibler ausrichten und den Unterricht den Bedürfnissen der Schüler anpassen. Projektorientierter, fächerübergreifender Unterricht oder verschiedene pädagogische Konzepte werden je nach Bedarf in die Schulstunden integriert. Hinzu kommen engagierte Lehrer, die durch einen größeren Spielraum besseren Unterricht geben können. Und auch die Schulgebäude sind in gutem Zustand, weil die Träger selbst die Verantwortung besitzen. Viele Eltern entscheiden sich heute für eine freie Schule, weil sie ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen wollen und auch bereit sind, dafür Geld auszugeben.

Haben Eltern an Privatschulen mehr Mitspracherechte als an öffentlichen Schulen?

Rechtlich nicht, aber praktisch ja. Eltern, die ihr Kind bewusst an einer Privatschule angemeldet haben, kümmern sich um ihren Nachwuchs. Die Kooperation mit den Lehren ist intensiver, bei Problemfällen besteht ein offener Umgang. Außerdem engagieren sich die Eltern meist sehr bei verschiedenen Schulaktivitäten.

Welchen Stellenwert haben freie Schulen in der Bildungslandschaft Berlins?

Trotz der großen Nachfrage sind Privatschulen in Berlin nur schwach vertreten. Hier machen sich Spätfolgen der Teilung bemerkbar, denn in den östlichen Bezirken gibt es nur sehr wenige. Insgesamt besuchen nur fünf Prozent der Berliner Schüler Privatschulen. In Hamburg sind es doppelt so viele. Dabei sorgen Schulen in unterschiedlicher Trägerschaft für ein breiteres Angebot. Sie kosten den Senat auch weniger.

Der Berliner Senat bezuschusst die freien Schulen mit rund 90 Prozent der Personalkosten. Im laufenden Haushaltsjahr wurden diese um vier Millionen gesenkt. Wie wirken sich die Zuschusskürzungen an den Schulen aus?

Den Evangelischen Schulen fehlen dadurch allein 750 000 Euro, die Waldorf-Schulen müssen mit etwa 800 000 Euro weniger auskommen. Das bedeutet, dass Lehrer mehr Stunden unterrichten müssen und gleichzeitig ihre Gehälter gekürzt werden. Bei Arbeitsgemeinschaften muss ebenso gespart werden. Die Schulen haben weniger Mittel zur Verfügung, um Gebäude zu sanieren. Auch die Eltern werden indirekt zu Kasse gebeten. Sie müssen kein höheres Schulgeld bezahlen, aber mehr Geld für Lernmittel und Hortbetreuung beisteuern.

Werden Privatschulen in anderen Bundesländern finanziell stärker unterstützt?

Ja, Privatschulen erhalten in anderen Bundesländern deutlich mehr Geld. In Nordrhein-Westfalen und in Hamburg beispielsweise basieren die Zuschüsse der Privatschulen nicht auf vergleichbaren Personalkosten, sondern auf den Vollkosten der Schulen. Diese umfassen Personal-, Sach- und Gebäudekosten. Nordrhein-Westfalen übernimmt 85 Prozent aller Kosten der Privatschulen, Hamburg will seine Zuschüsse in den kommenden Jahren von 50 auf 85 Prozent anheben.

Das Gespräch führte Katja Gartz.

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