Zeitung Heute : Mehr Künstler als Manager

Initiator Günter Faltin will kreative Quereinsteiger ermutigen, Unternehmen zu gründen. Er selbst hat schon als Kind angefangen.

Was brauchen gute Unternehmer? Marktgespür, Ellbogen, Organisationstalent, Verhandlungsgeschick, Charisma – im Prinzip müssen sie Alleskönner sein, eine Mischung aus Feldherr und Marktforscher. So das Klischee. Alles Unsinn, sagt Günter Faltin. Nichts davon, jedenfalls nicht alles auf einmal, braucht man, um ein Unternehmen zu gründen, nur eine gut ausgearbeitete Idee. So lautet seit Jahren die Botschaft des umtriebigen Ökonomen, der mit seiner Geschäftsidee Teekampagne der weltweit größte Importeur von Darjeeling-Tee ist und an der Freien Universität Berlin (FU) den Arbeitsbereich Entrepreneurship leitet.

Entrepreneurship („Unternehmertum“) ist der Schlüsselbegriff in Faltins Lehre, die er nicht nur Studierenden vermitteln will: Vom 19. bis 20. Oktober findet im Henry-Ford-Bau der FU der Entrepreneurship Summit 2013 der Stiftung Entrepreneurship statt, bei dem rund 150 Experten in Diskussionen, Vorträgen und Workshops auftreten. Zu den Rednern zählen die Bankkauffrau und Wirtschaftspädagogin Katja Birkenbach, der Zukunftsforscher Matthias Horx, der Blogger und Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan und der Ökonom Max Otte, der 2006 die Finanzkrise vorhergesagt hatte. Erwartet werden über 1500 Besucher.

Doch was ist eigentlich ein Entrepreneur? „Der Entrepreneur steht dem Künstler näher als dem Manager“, glaubt Faltin. Manager sind für ihn Verwalter und Administratoren. Die brauche man auch, aber: „Wer nur Business macht, macht eigentlich schlechtes Business.“ Der Wirtschaftswissenschaftler beklagt den Mangel an unangepassten Quereinsteigern, die nicht nur der Wunsch nach einem prall gefüllten Konto antreibt. „Schon mit zwölf Jahren fand ich Ökonomie viel spannender als Indianer und Cowboys“, erinnert sich der gebürtige Bamberger. Erste praktische Erfahrungen machte er als Kind, als er selbst gemalte Bilder für ein paar Pfennige an Verwandte verkaufte. „Ökonomie war immer mein Ding.“ Die Helden seiner Jugend hießen nicht Winnetou und Old Shatterhand, sondern Henry Ford, John D. Rockefeller oder Andrew Carnegie: „Diese Menschen waren moderne Könige.“

Mit dem Vorsatz, Unternehmensgründer zu werden, begann Faltin, Volkswirtschaft in Tübingen und St. Gallen zu studieren, und erlebte die erste Enttäuschung: „Ich war überrascht, wie leblos das gelehrt wurde, alles war stark mathematisiert. Die Figur des Unternehmers kam gar nicht vor, das war für die Professoren ein Störfaktor.“ Dennoch kehrte Faltin der Wissenschaft nicht den Rücken, sondern promovierte 1972 an der Universität Konstanz. „Ich bin Hochschullehrer geworden, weil ich das alles anders machen wollte.“

Und er machte einiges anders. Nachdem Faltin 1977 als Professor an die FU berufen wurde, gründete er 1985 zusammen mit seinen Studenten die Teekampagne: Statt viele Teesorten zu importieren, beschränkte Faltin sich auf eine einzige von hervorragender Qualität: Darjeeling vom Fuße des Himalaya. Auf seinen Reisen durch Afrika und Asien hatte Faltin entdeckt, wie billig Tee direkt im Erzeugerland ist. Die Teekampagne umging die Zwischenhändler, indem nur eine einzige Sorte in großen Mengen gekauft und in Ein-Kilo-Packungen verkauft wurde.

„Der ist doch bescheuert“, sagte damals eine Studentin, als Faltin seine Idee in einer Vorlesung vorstellte, auch Kollegen rieten ihm ab. Doch Entrepreneure mit unkonventionellen Ideen müssen damit leben, erst mal als Spinner bezeichnet zu werden, für Faltin war die Ablehnung eher Motivation: „Was mich antreibt, ist das Unmögliche möglich zu machen, das, von dem andere glauben, es klappt nicht.“

Doch es klappte, was Faltin den Vorwurf einbrachte, Kapitalisten heranzuzüchten. Einmal fand er sein Auto mit zerschnittenen Reifen vor. „In Deutschland sind die alten Bilder aus der Frühzeit des Kapitalismus noch sehr stark, Unternehmer gelten immer noch als Ausbeuter. Das verdeckt leider die emanzipatorische Dimension des Entrepreneurships.“ Vorgemacht habe es der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, der mit seinen Mikrokrediten die Ärmsten befähigt habe, Kleinunternehmer zu werden: „Wir brauchen Entrepreneure zur Lösung von Problemen, Unternehmertum darf nicht wenigen Personen überlassen werden.“ Nie seien die Voraussetzungen dafür besser gewesen, heute brauche man nur einen Laptop und ein Telefon.

Zentral für Faltin ist dabei das „Gründen mit Komponenten“: Anstatt das Rad neu zu erfinden, sollten Gründer bestehende Ideen zu etwas Neuem verschmelzen. Als Beispiel nennt Faltin den Internet-Telefondienst Skype, der eine seit Jahren bekannte Standardsoftware nutzt. Um die Kultur des Unternehmerischen stärker in die Gesellschaft zu tragen, gründete Faltin 2001 mit Dietrich Winterhager die Stiftung Entrepreneurship, die neben dem jährlichen Summit auch E-Learning-Kurse anbietet. Irgendwann, hofft Faltin, wird Entrepreneurship zu einem Volkssport, bei dem man am Stammtisch über Geschäftsideen diskutiert.

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