Zeitung Heute : Mehr lernen mit Madonna

Kunstgeschichte für Einsteiger: Wissenschaftler und Studenten der Freien Universität bieten ungewöhnliche Projekte für den Schulunterricht an

Carsten Wette

Als der rote Pontiac Firebird mit der blonden Frau am Steuer am Laternenmast zerschellt und die wummernden Bässe verhallen, ist es sekundenlang still. Erst als die Jalousien des Hörsaals hochfahren, Tageslicht einströmt und das Bild auf der Leinwand verblasst, regt sich wieder Leben unter den 17 Schülern, die an diesem Vormittag zu Gast in Dahlem sind. „In welche Rolle ist Popstar Madonna in dem Videoclip geschlüpft? Wie sieht sie aus? Wie verhält sie sich? Und was möchten Sie selbst über den Clip herausfinden?“, fragt Matthias Weiß und blickt aufmunternd in die Runde. Der promovierte Kunsthistoriker leitet einen der Kurse, mit denen Studierende und Wissenschaftler der Freien Universität seit zwei Jahren den Unterricht von Schulen in Berlin und Brandenburg bereichern. Heute profitiert der Kunst-Leistungskurs des Diesterweg-Gymnasiums im Berliner Stadtteil Wedding von dem Angebot.

„Denkwerk Kunstgeschichte – Bildung durch Bilder“ heißt das Projekt, das sich an Schüler der 5. bis 13. Klassen richtet und von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird. „Kunst ist nicht nur Patina des Schönen“, sagt der Initiator und geschäftsführende Direktor des Kunsthistorischen Instituts, Professor Klaus Krüger. „Wir wollen Kunst in ihrer Entstehungsgeschichte zeigen und diese der heutigen Lebenswelt gegenüberstellen.“ Ziel sei es auch, Jugendliche zum Nachdenken über wissenschaftliches Arbeiten zu ermuntern, um die gerade in bildungsfernen Schichten empfundene Schwellenangst zwischen Schule und Universität zu überwinden.

Ins Rollen brachte das Projekt vor zwei Jahren die Robert-Bosch-Stiftung durch die Ausschreibung eines Förderprogramms für Wissenschaftler, Lehrer und Schüler. „Das wäre doch etwas für uns“, meinte Krüger und lud kurzerhand Kollegen der Freien Universität und Vertreter von Schulen zu einem Workshop. „Wir haben überlegt, was die Schulen brauchen und was wir Wissenschaftler beitragen können“, erinnert sich der Kunsthistoriker.

Nach dem Zuschlag durch die Stiftung nahm das Projekt rasch Fahrt auf: Mittlerweile kooperieren zwölf Realschulen und Gymnasien aus allen Teilen Berlins. Eine der Teilnehmerinnen des Gründungsworkshops war die Kunstlehrerin Ursula Rogg vom Diesterweg-Gymnasium: „Wir Lehrer hatten eine Sturzflut an Wünschen – nie hätten wir gedacht, dass ein Großteil verwirklicht würde.“ Die Organisatoren hoffen, dass das stark nachgefragte Projekt im Herbst um wenigstens ein weiteres Jahr gefördert wird.

Kunstgeschichte ist zwar kein eigenes Schulfach. Doch ihre Gegenstände und Methoden können den Unterricht ergänzen – ob in Deutsch, Kunst, Latein, Musik oder Geschichte. „Unserer Kurse sind in die Lehrpläne eingebunden“, sagt Karin Kranhold, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin den Kontakt zu den Schulen pflegt. So wird eine Studentin in diesem Sommer mit einer achten Klasse im Wahlpflichtfach „Das Fremde und wir“ die Kunst des Islam untersuchen. In einem Geschichtskurs der 12. Klasse geht es – veranschaulicht durch Exkursionen in der Hauptstadt – um „Die Allee Unter den Linden und die Widerspiegelung politischer Aspekte im Straßenbild“ und in einem Kunstkurs der Klasse elf um den Wohnungsbau im 20. Jahrhundert am Beispiel des Berliner Hansaviertels. Auch an Gemälden und Skulpturen schulen Jugendliche ihren Blick für Kunst.

Viele Ideen für die Gestaltung der Kurse kommen von den Studierenden. Sie hospitieren, unterrichten und organisieren Exkursionen – ehrenamtlich, wenn am Ende auch ein Praktikumsnachweis winkt, der für das Bachelor-Studium angerechnet werden kann. Ohne das große Engagement auch der Lehrer seien die Projekte jedoch undenkbar, betont Koordinatorin Kranhold. Jedes der Projekte endet mit greifbaren Ergebnissen, die Schüler mit den Studenten und Wissenschaftlern vorbereiten: Das Spektrum reicht von einem Faltblatt über die Geschichte des Schulgebäudes der Teilnehmer bis zu einer Website über den Absolutismus oder den Park Sanssouci.

Im Madonna-Filmkurs strotzen die Schüler vor Entdeckungsfreude, als das Video ein ums andere Mal gezeigt wird. Ihnen entgeht kaum ein Detail. Der in vielen Ländern wegen zu offensiver Darstellung von Gewalt verbotene oder zensierte Clip zu „What It Feels Like For A Girl“ vom Album „Music“ aus dem Jahr 2000 zeigt die Musikerin unter der Regie von Guy Ritchie – ihrem Ehemann – als kriminelle Blondine, die am Steuer gestohlener Sportwagen gemeinsam mit einer Seniorin Männer bedroht, schikaniert oder ausraubt, eine Tankstelle sprengt und am Ende vermutlich Opfer ihrer Amokfahrt wird.

Besonders aufmerksam beobachtet der 18-jährige Kemal die Sequenzen: Er weist seine Mitschüler auf die auffällige Häufung der Ziffer sechs hin und entschlüsselt einen nur für Bruchteile einer Sekunde eingeblendeten englischen Schriftzug als zutiefst frauenfeindliches Wortspiel. Dann druckst er herum und sagt: „Ich glaube, uns Männern soll in der Tankstellenszene symbolisch etwas abgeschnitten werden.“ Die Mädchen kichern kurz. „Den Männern soll gezeigt werden, dass wir Frauen auch anders können“, meint Esra. Am Ende scheint klar, dass in dem Video durch die Gewalt einer Frau die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Gewalt gegen Frauen angeprangert werden sollen. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so viel herausfinden“, sagt die 17-jährige Anna, „so intensiv habe ich noch nie ein Video angesehen.“

Matthias Weiß lenkt die Diskussion behutsam, zunächst auf das Zusammenspiel von Text, Bild und Musik in dem Video, später auf filmische Zitate aus Klassikern der Kinogeschichte wie „Thelma & Louise“. Seine Wahl fiel nicht zufällig auf Madonna: Anspielungen und Zitate in Clips der amerikanischen Sängerin hatte der 37-Jährige bereits 2007 in seiner Dissertation unter die Lupe genommen. „Die Schüler sollen kulturelle Produkte ihrer Lebenswelt hinterfragen und zu einem kritischen Umgang mit audiovisuellen Medien befähigt werden“, erläutert der Wissenschaftler. Ist es vorgekommen, dass Schüler Details entdecken, die Weiß in seiner Doktorarbeit entgangen sind? „Ob ich das zugeben würde?“, meint er lachend, während er die Schüler in der Pause zur Mensa führt. „Die Beobachtungsgabe der Schüler beeindruckt mich immer wieder.“

„Videos sind nicht unbedingt ein klassisches Objekt der Kunstgeschichte“, sagt Klaus Krüger, „doch sie sind ein idealer Gegenstand, um die Dimensionen des sozialen Daseins zu hinterfragen.“ Das Selbstverständnis von Kunstgeschichte habe sich in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin radikal verändert. „Oder können Sie es fassen, dass es an den Universitäten noch vor 30 Jahren als avanciert galt, ein Seminar zu Picasso anzubieten?“

Weitere Informationen unter www.bildung-durch-bilder.de

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