Zeitung Heute : Mehr Luft!

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum die Staublunge selten geworden ist

Hartmut Wewetzer

Deutschland diskutiert über den Feinstaub – und vergisst über dem Negativen mal wieder das Positive. Denn seit 1990 ist der Staubausstoß um rund 90 Prozent gesenkt worden. Die Luftqualität ist also eindeutig besser geworden, auch wenn man darüber streiten kann, wie sie noch sauberer werden kann. Das mit der Luft gilt ganz besonders untertage. Denn im Bergbau führte der Quarzstaub in früheren Jahrzehnten nicht selten zu schweren Atemstörungen und damit zu vorzeitigem Tod. Heute ist die Staublunge selten geworden.

Als Lebensretter für die Kumpel erwies sich – Wasser. Es wurde in die Bohrlöcher gespritzt, benetzte die Abbauhämmer wie die geförderte Kohle oder spülte den Staub einfach weg. Ergebnis: Seit 1964 ist die Zahl der neuen Fälle von Staublunge von rund 2000 auf 200 zurückgegangen. Dabei muss man zudem berücksichtigen, dass die Krankheit sich häufig erst nach Jahrzehnten bemerkbar macht. Bei den „neuen“ Fällen handelt es sich also um alte Menschen, die schon vor 40 Jahren im Schacht schufteten. Zu einer Zeit, als die Sicherheitsmaßnahmen noch nicht so gut waren. „Jüngere Patienten mit Staublunge habe ich schon lange nicht mehr gesehen“, berichtet Gerhard Schultze-Werninghaus, Lungenspezialist an den Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil in Bochum.

Nicht ganz so positiv ist der Trend bei der chronischen Bronchitis. Die ist seit 1996 als Berufskrankheit im Steinkohlebergbau anerkannt und kann durch große Feinstaubbelastung ausgelöst werden. Von einer chronischen Bronchitis spricht man, wenn Husten und Auswurf während mindestens drei Monaten in zwei aufeinander folgenden Jahren auftreten. 2004 wurden rund 300 Fälle als Berufskrankheiten anerkannt. Tückisch an der chronischen Bronchitis sind – ähnlich wie bei der Staublunge – die Spätschäden. Denn nicht selten kommt es nach Jahren zu einer Überblähung der Lunge (Emphysem), weil die Atemluft nicht mehr völlig entweichen kann.

Auf den ersten Blick scheint es widersinnig, dass gerade Kortison, das eigentlich die Körperabwehr schwächt, eine chronische Bronchitis lindern kann. Aber eben darauf deuten neue Untersuchungen hin, wie der Lungenspezialist Schultze-Werninghaus berichtet. „Mit niedrig dosiertem Kortison zum Einatmen kann man den Ausbruch einer chronischen Bronchitis besser in den Griff bekommen“, sagt er. „Die Lebensqualität steigt, die Entzündung in den Bronchien geht zurück, selbst Flimmerhärchen bilden sich wieder.“ Der Mediziner vermutet, dass das Kortison das Immunsystem wieder auf den richtigen Weg bringt.

Auch bei der Behandlung der überblähten Lunge gibt es neue Behandlungsmöglichkeiten. So kann man mit Hilfe der Substanz Tiotropium (vermarktet als „Spiriva“) den Luftstau in der Lunge verringern und das Atemorgan „entblähen“. Auch dieses Medikament wird wie das Kortison eingeatmet. Es wirkt, indem es die Bronchien aufweitet. Die Kranken können wieder ein wenig aufatmen – nicht nur im Ruhrgebiet.

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