Zeitung Heute : Mehr Luft!

Was bisher nur ein beliebtes Requisit in Hollywood war, erobert in diesem heißen Sommer deutsche Wohnzimmer. Doch Vorsicht: Ein Ventilator kann auch frech werden.

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Von Andreas Conrad Der Dschungel ruht, kein Luftzug bewegt die Palmen. Staub wirbelt auf, mit ihrem Flap-Flap-Flap, elektronisch verfremdet, gleiten Hubschrauber schemenhaft durchs Bild. Träge setzt eine Gitarre ein, die ersten Takte „The End“ von den Doors, dann explodiert das grüne Idyll, verglüht in einer Hölle aus Napalm. Neue Bilder tauchen aus dem Nichts auf, alles gleitet ineinander, der Kopf eines Mannes im Alkoholdämmer, erneut Rotoren in Zeitlupe, von denen zum Kreisen eines Deckenventilators übergeblendet wird, ein gleitender Übergang von der Urwaldfront zum Hotelzimmer in Saigon, dem letzten Zufluchtsort für Captain Willard, das nun ebenfalls erdröhnt vom Flap-Flap-Flap der allgegenwärtigen Helikopter, während über ihm, schwindelerregend, hypnotisch, wie ein Sog zum Bösen, der Ventilator sich dreht und dreht und dreht.

Sollten sich Kino- und Belüftungsindustrie je zusammentun und ein Festival „Film und Ventilator“ ins Leben rufen, Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“, mit Martin Sheen und Marlon Brando in den Hauptrollen, müsste der Eröffnungsfilm sein. Der Propeller an der Zimmerdecke und die riesenhafte Variante der Hubschrauber-Rotoren sind geradezu ein Leitmotiv des legendären Vietnamfilms, ein Symbol für den Schrecken des Krieges, den Strudel des Todes, in dem sich die Menschen verlieren. Captain Willards Ventilator steht damit für eines der beiden Extreme, in denen solch ein zunächst rein technisches Gerät cineastisch eingesetzt wurde. Am anderen Ende der Skala ist der Ventilator, als Decken-, Stand- oder auch Tischgerät, zum rein dekorativen Element herabgesunken, taucht vielleicht nur deshalb auf der Leinwand auf, weil der Regisseur den temperaturempfindlichen, von der Hitze der Scheinwerfer geplagten Schauspielern unauffällig Kühlung zufächeln lassen wollte.

Dazwischen gibt es viele Spielarten, erweist sich der Ventilator als ein ausgesprochen multifunktionales Gerät, das dem Menschen zum Wohlgefallen wie zur Qual, ja tödlichen Bedrohung werden kann. Die Geschichte der Beziehung „Film und Ventilator“ ist noch nicht geschrieben, hier also einige Ansätze zu einer Typologie des Filmventilators, zu einer – gewiss nicht vollständigen – Übersicht über die Vielfalt seiner Funktionen, die allerdings nicht streng voneinander getrennt sind, sondern oft nahtlos ineinander übergehen.

DER VENTILATOR … ALS BELÜFTER

Die Linderung sommerlicher Hitze ist die humanste Form der Verwendung eines Ventilators, in ihr erfüllt sich, im Leben wie oft auch auf der Leinwand, sein eigentlicher Zweck. Als der Ur-Film dieser luftigen Beziehung muss Michael Curtiz‘ „Casablanca“ gelten, obwohl „Rick’s Café“ ohne solch ein Gerät auskommt. Nur das Büro von Captain Renault, mit dem Rick alias Humphrey Bogart dann zum Schluss „eine wunderbare Freundschaft“ beginnt, verfügt über solch einen Luxus, was den Lüfterherstellern aber reichte, um den Kultfilm mit ihren Produkten zu assoziieren und ihnen gerne seinen Namen zu verleihen. Ein Ventilator suggeriert dem Zuschauer eine erhöhte Zimmertemperatur, aber auch, dass sein Besitzer in bescheidenen Verhältnissen lebt: Ein Haus oder ein Büro mit Klimaanlage kann er sich offenbar nicht leisten. So wurde der Luftquirl zum fast unverzichtbaren Mobiliar unzähliger Polizei- und Detektivfilme, tauchte ebenso neben Jack Nicholson in der Dürrenmatt-Verfilmung „Das Versprechen“ wie unlängst neben Bruce Willis in „16 Blocks“ auf.

Eine Variante dieses Typs ist der defekte Ventilator. In „Die zwölf Geschworenen“ lässt Sidney Lumet den von Henry Fonda gespielten Helden mit seinen elf Gegenspielern in einem stickigen Sitzungszimmer schmoren. Ein Lüfter ist vorhanden, doch er dreht sich nicht.

… ALS EROTISCHES SPIELZEUG

Gerade in sexuell aufgeladenen, gar hitzigen Situationen tut Kühlung oft Not, viele Regisseure trugen dem durch spielerischen Einsatz von Ventilatoren Rechnung, obwohl – oder besser weil – die gefühlte Temperatur im Zuschauersaal damit zuverlässig stieg. Wolllüstig räkelt sich Natalie Uher in Bruno Zincones „Emmanuelle VI“ auf einer Hängematte, sehr luftig, um nicht zu sagen gar nicht bekleidet, was ihr aber offensichtlich nicht genügt. Hingebungsvoll hält sie ihr Gesicht in den Luftstrom eines Standventilators, zärtlich streichelt er ihr Haar. So weit muss Marilyn Monroe in Billy Wilders „Das verflixte 7. Jahr“ nicht gehen. Legendär ist die Szene über dem U-Bahn-Schacht, als der Luftstrom eines durchfahrenden Zuges ihren Rock hochwirbelt – eine überraschende Variation des Lüfterthemas, das schon in ihrem ersten Auftritt angespielt wird: Mit Täschchen in der einen, Ventilator in der anderen Hand betritt sie den Flur des Appartementhauses, in das sie kürzlich eingezogen ist, und verfängt sich prompt mit dem Stromkabel in der zuklappenden Haustür. Ihr Ventilator hänge fest, er möge noch einmal den Türöffner drücken, bittet sie den unter ihr wohnenden, aus seiner Tür äugenden Strohwitwer Richard Sherman (Tom Ewell). Bald ist er selbst verstrickt, wie vom Stromschlag getroffen.

... ALS TEIL DER BILDKOMPOSITION

Auch Filmausstattern fällt nicht immer etwas ein – oder zu viel. Dann verteilen sie die Requisiten womöglich wahllos auf dem Set, platzieren hier eine Vase, da eine Zimmerpflanze und dort eben einen Ventilator. Er hat keine dramaturgische Funktion, komplettiert allenfalls das Ambiente, könnte aber auch fehlen. Die Krönung dieses Typs liegt dagegen vor, wenn der Ventilator zum Element der Bildkomposition wird, den handelnden Figuren durchaus ebenbürtig. Lässig sitzt James Stephenson in William Wylers „Das Geheimnis von Malampur“ im Gerichtssaal am Anwaltstisch, in dieser Einstellung der Schwerpunkt zur Rechten, der durch einen groß ins Bild gerückten Ventilator zur Linken ein Gegengewicht erhält. So wird die etwas im Hintergrund, in der Bildmitte sitzende Hauptfigur gleichsam eingerahmt: Leslie Crosbie alias Bette Davis, die Angeklagte. Dualistisch ist dagegen die Szene konstruiert, die auch auf dem Plakat zu Wong Kar-Wais Hongkong-Thriller „Fallen Angels“ auftaucht: Rechts Leon Lai Ming, der mit seiner Pistole auf einen für den Zuschauer nicht sichtbaren Gegner am Boden zielt, links in gleicher Größe – ein glitzernd rotierender Ventilator.

... ALS TÖDLICHE WAFFE

Sein Name ist Bond, James Bond. Waffenmeister Q bastelt ihm die technisch ausgefeiltesten Waffen, aber in höchster Not wird er selbst erfinderisch und greift zum Nächsten, was ihm in die Hand kommt. Zum Beispiel zu einem Tischventilator, in der Eingangssequenz von „Goldfinger“. Ein Killer hat 007 in dessen Hotelzimmer attackiert, ist nach erheblicher Rauferei in der gefüllten Badewanne gelandet. Ausgerechnet daneben hat Bond (Sean Connery) das Halfter mit der Walther PPK hingehängt, der Killer will sie ziehen, doch Bond greift zum Lüfter, wirft ihn ins Wasser, ein Blitz, letztes Aufzucken des Gegners – und Ruhe.

Beliebt bei diesem Typ des Filmventilators als Inkarnation tödlicher Gefahr ist auch die Variante als riesige Lüftungsanlage. Nur selten kann der Held in ihr kurz verschnaufen wie Bruce Willis in „Stirb langsam“, wo er durchs Labyrinth eines Hochhauses klettern muss. Sylvester Stallone in „Daylight“ hat dafür keine Zeit. Nur ganz kurz können die vier Ventilatoren eines Lüftungsschachts abgeschaltet werden, die er zu durchqueren hat. Bei jedem Zögern droht die Turbine ihn zu zerquetschen. Im Ausnahmefall wird der Ventilator sogar selbst zur personifizierten Gefahr. „Alphaville“, Jean-Luc Godards Ausflug ins Science-fiction-Genre, spielt in einer Stadt, die unter dem totalitären Regime eines Computers steht. Um ihn zu zeigen, benötigte der Regisseur keinen Metallschrank mit unzähligen blinkenden Lichtern, auch kein rotes Glasauge wie Stanley Kubrick in „2001“. Für sein Modell „Alpha 60“ genügte Godard, wie er später erzählte, „ein Philips-Ventilator für drei Dollar, von unten angeleuchtet“, dazu die Stimme von „jemandem, der an den Stimmbändern operiert war und wieder Sprechen gelernt hat“.

... ALS SYMBOL DES SCHRECKENS

Die Sprengladung ist etwas zu stark gewesen, eine gewaltige Detonation zerreißt das Hotelzimmer des Palästinensers, tötet fast noch den israelischen Attentäter nebenan. Danach streift die Kamera durch die verwüsteten Räume, erfasst auch einen noch langsam sich drehenden Deckenventilator, daran hängt ein Arm, abgerissen und hochgeschleudert durch die Wucht der Explosion. Es ist eine der erschreckendsten Szenen in Steven Spielbergs „München“, der Ventilator wird hier wie schon bei Coppola zum Symbol für den Schrecken des Krieges, die Grausamkeit des Terrors, die in unendlichen Spiralen immer weiter geht. Ein mitunter geradezu satanisches Motiv, das in Alan Parkers „Angel Heart“ für die Unentrinnbarbeit des Schicksals, die immer stärkere Verstrickung steht, in die der von Mickey Rourke gespielte Privatdetektiv mit der Annahme eines undurchsichtigen Auftrags durch den diabolischen Louis Cyphre (Robert De Niro) gerät. Luzifer und Lüfter, so lernen wir, sind gar nicht so weit voneinander entfernt.

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