Zeitung Heute : Mehr oder weniger Grün

Vier waren im Rennen – und am Ende fühlten sich die Jungen übergangen

Stephan Haselberger Hans Monath

Renate Künast und Fritz Kuhn sind die neuen Chefs der Grünen im Bundestag. Was bedeutet ihre Wahl für den künftigen Kurs der Grünen?

Der letzte „Live-Rock-’n’-Roller der deutschen Politik“ hat sein Gespür für Timing noch nicht verloren. Nach ihm, hatte Joschka Fischer kürzlich in der ihm eigenen Bescheidenheit vorhergesagt, würden auf der politischen Bühne nur noch „Play-back“-Künstler auftreten. Er selbst werde sich in Zukunft stark zurückhalten, versprach der Grünen-Patriarch nach der Verkündung seines Rückzugs: „Man darf nicht von hinten hineinregieren.“

Wer seinen Abschied so zelebriert, darf auch nicht pünktlich erscheinen, wenn die eigene Fraktion zwei neue Vorsitzende wählt – das sähe ja nach Einmischung aus. Die Sitzung der Grünen-Abgeordneten dauerte schon fast eine Stunde, als sich Fischer einen Weg durch die Kameras vor dem Fraktionssaal im Reichstag bahnte, ohne Kommentar.

Drinnen steuerte der Kampf um Fischers Erbe derweil einer Entscheidung entgegen. Mit den Noch-Ministern Renate Künast und Jürgen Trittin, dem Wahlkampfmanager Fritz Kuhn und der bisherigen Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt standen noch vier Bewerber bereit. Göring-Eckardts Kovorsitzende Krista Sager hatte ihre Kandidatur bereits am Vorabend bei einem Treffen der Realos in der Parlamentarischen Gesellschaft zurückgezogen – ihre Erfolgsaussichten waren gering. Sie erkannte am nächsten Morgen den Führungsanspruch Künasts an: „Es ist folgerichtig, dass sie nach Joschka Fischer in die erste Reihe gehört.“

Der erste Wahlgang, in dem Künast, Göring-Eckardt und Trittin gegeneinander antraten, dauerte länger, als erwartet. „Großen Nachfragebedarf“ meldeten Abgeordnete per SMS aus der Sitzung. Und so sah dann auch das erste Ergebnis aus: Kein Kandidat erreichte die erforderliche absolute Mehrheit von 26 Stimmen. Auf Künast und Trittin entfielen je 18, auf Göring-Eckardt 15 Stimmen.

Doch schon im zweiten Durchgang konnte sich Favoritin Künast mit 33 zu 17 Stimmen bei einer Enthaltung gegen Trittin durchsetzen – wie angekündigt trat sie danach als Ministerin zurück. Im Kampf um den zweiten Posten trat Trittin dann nicht mehr an. Die Grünen wollen dem Kanzler nun vorschlagen, dass der Umweltminister das Künast-Amt bis zur Neubildung der Regierung mit übernimmt.

So wurde der Kampf um den zweiten Chefposten zwischen Göring-Eckardt (39) und Ex-Parteichef Kuhn (50) ausgetragen. Im Ringen der beiden Realos hatte Kuhn noch am Vortag telefonisch einzelne Abgeordnete bearbeitet. Seit seinem Scheitern als Parteichef am Dogma der Trennung von Amt und Mandat vor drei Jahren hatte Kuhn den Grünen selbstloser gedient, als viele es erwartet hatten. Göring-Eckardt verkörperte wie keine andere Führungsfigur die schwarz-grüne Option. Doch die gesamte Spitze der Partei ist sich einig in dem Ziel, künftig aus dem bürgerlichen Milieu und aus dem linken Lager Anhänger zu gewinnen.

Kuhn nutzte seine Chance. Er gewann mit 37 Stimmen gegen Göring-Eckardt, für die nur zehn Abgeordnete votierten. Vier Grünen-Parlamentarier enthielten sich. Auch die Linke wollte lieber Kuhn als Göring-Eckardt. Er habe „klar den sozialeren und grüneren Kurs gefahren und uns ein klares Integrationsangebot gemacht“, befand der Abgeordnete Winfried Hermann. Die jüngere Generation aber hatte mit Göring-Eckardt ihre Vertretung in der Fraktionsspitze verloren.

Mit Spannung wurde deshalb die Wahl des ersten Parlamentarischen Geschäftsführers erwartet. Um den Posten kämpfte der Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium Matthias Berninger (34) gegen Amtsinhaber Volker Beck (44) vom linken Flügel. Becks deutlichen Sieg (34 gegen 17) werteten wütende jüngere Parlamentarier als „Kriegserklärung der Gründergeneration“ der Partei und verabredeten sich sofort zum Krisentreffen. Berninger und der Abgeordnete Alexander Bonde verlangten vor der Presse in deutlicher Sprache, nun müsse wenigstens bei der Wahl der Vize-Fraktionschefs ihre Generation zum Zuge kommen.

Da war der Mann, der die Macht abgegeben hat, längst gegangen. Als Fischer kurz vor sechs wieder aus dem Saal marschierte, profitierte von seinem Abgang eine Verliererin, die einzige jüngere Kandidatin im Rennen um den Fraktionsvorsitz. Alle Kameras schwenkten auf den Außenminister, der aber wortlos davonstiefelte. Im Windschatten der Aufmerksamkeit schlüpfte Göring-Eckardt fast unbemerkt in einen Fahrstuhl. Von Kameras und Journalisten wollte sie in diesem Moment nicht behelligt werden.

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