Zeitung Heute : Mehr Professionalität in Stiftungen

Umfragen der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zeigen: Kleine und mittlere Stiftungen haben Defizite im Management und in der strategischen Planung

Heiko Schwarzburger

Die Deutschen sind Weltmeister wenn es darum geht, zu spenden oder ihr Erbe gemeinnützigen Organisationen zu vermachen. Nach der Reform des Stiftungsrechts sind in den vergangenen Jahren unzählige, vor allem kleinere Stiftungen aus dem Boden geschossen. Stifter und Mäzene, Jahrzehnte lang aus dem Sprachgebrauch beinahe völlig verdrängt, werden als neue Helden gefeiert. Sie sollen die Lücken stopfen, die der Staat auf seinem Rückzug hinterlässt: in der Altenpflege, in Kitas, Schulen, Hochschulen und in der Kunst. „Die Frage ist, ob das verstärkte zivilgesellschaftliche Engagement mit einer Professionalisierung der Stiftungen einhergeht“, sagt Berit Sandberg, Professorin für öffentliche Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW).

95 Prozent aller Stiftungen werden vom Fiskus als gemeinnützig eingestuft. Nach Angaben des Bundesverbands deutscher Stiftungen gibt es derzeit rund 15 000 rechtsfähige, privatrechtliche Stiftungen in Deutschland, dazu etwa 13 000 kirchliche. Tendenz: schnell wachsend, sowohl in der Anzahl, als auch im Umfang des verwalteten Vermögens. Treuhandstiftungen, die nicht rechtsfähig sind, wurden dabei nicht erfasst. Berit Sandberg schätzt die Gesamtzahl der Stiftungen grob auf 30 000.

Vor ihrer Berufung an die Berliner Fachhochschule war die umtriebige Professorin im niedersächsischen Wissenschaftsministerium tätig, feilte dort an der Idee von Stiftungshochschulen. 2005 startete sie mit ihren Berliner Studierenden eine erste Umfrage, die 375 rechtsfähige Stiftungen des öffentlichen und des privaten Rechts umfasste. Sie beleuchtete Stiftungsziele, betriebswirtschaftliche Instrumente im strategischen Management, Marketing, Vermögensverwaltung, Rechnungswesen, Controlling und Personalwesen. Dabei stellte sich heraus, dass vor allem die kleineren Stiftungen ihre Mitarbeiter vernachlässigen und auf eine Personalentwicklung durch gezielte Weiterbildung verzichten.

Nun startet die Professorin eine neue Umfrage: „Jetzt fragen wir nach den Gehältern von Führungskräften im Stiftungssektor. Wir wollen den Stiftungen damit eine Orientierungshilfe bieten“, erklärt Sandberg. „Karrieren und Qualifikationen fragen wir nicht ab, das könnte später folgen.“

In ihren Analysen kommt Berit Sandberg zu dem Schluss, dass die großen Stiftungen in der Regel sehr professionell arbeiten. Steht ein Unternehmen als Pate bereit, sind es nicht selten die pensionierten Geschäftsführer oder Vorstände, die in die Stiftung wechseln, um dort noch für einige Jahre ihr Wissen und ihre Kontakte zu nutzen. „Da gibt es strategische Ziele und eine gute Planung, da gibt es ein klares Controlling“, urteilt Sandberg. „In kleineren Stiftungen sind die Ziele oft nicht klar formuliert. Viele wissen wenig über ihre Zielgruppen. Dort beschränken sich die Stiftungsleitungen häufig darauf, die Vermögen zu verwalten – und selbst das nicht immer erfolgreich.“

Dabei sei es gerade für diese Stiftungen unabdingbar, potenzielle Partner, Sponsoren, Stifter und natürlich „Konkurrenten“ genau zu analysieren. „Wir haben auch beobachtet, dass Stiftungen mit gleichen oder ähnlichen Zielen kaum ins Gespräch miteinander kommen“, sagt die Professorin. In Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit seien die meisten Stiftungen zwar gut aufgestellt, aber „Marketing und Management haben den bösen Ruf des Kommerziellen.“ Viele, vor allem soziale Stiftungen, wollen damit nichts zu tun haben.

Auch sogenannte Förderstiftungen sollten die Möglichkeit von Kooperationen laufend prüfen. „Statt dessen holen sie sich höchstens einen Berater ins Haus, der sich um das Management des Vermögens und das Fundraising kümmern soll“, nennt Berit Sandberg ein Beispiel. „Für strategische Beratung wird kaum Geld ausgegeben.“ Sie bemängelt, dass vielen Stiftungen einfach der Überblick fehlt, um die richtigen Entscheidungen zu fällen. „Sie machen zwar eine Buchhaltung, wissen aber manchmal nicht einmal, wo die Kosten entstehen“, sagt die Expertin. „Oder sie arbeiten nicht mit wirtschaftlichen Kennzahlen. Das sind eigentlich ganz simple Dinge.“ Erschreckend sei auch, wie wenig die Entwicklung des Stiftungsvermögens kontrolliert werde. „Oft findet diese Prüfung nur einmal im Jahr statt. Das kann eigentlich nicht sein, aber man lässt es laufen und hofft, dass alles gut geht.“

Die Professorin hat ihre Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst, die wichtigsten hat sie ins Internet gestellt. Sie hält Vorträge, um die Professionalisierung des Stiftungssektors voranzubringen. „Derzeit entsteht ein neuer Markt für Stiftungsberater“, sagt sie. „Diese Leute brauchen das entsprechende Rüstzeug.“ Sandberg bietet auch Ratschläge bei der Gründung von Stiftungen an, zumindest im Marketing und im strategischen Management. In rechtlichen Fragen oder im Vermögensmanagement verweist sie lieber auf andere Experten.

Auch die FHTW hat auf die Nachfrage reagiert: Ab 2009 wird es – in Kooperation mit der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin (FHVR) – ein Masterstudium zu Nonprofit-Management und Public Governance geben. Im Lehrplan sind auch Veranstaltungen zum Stiftungsmanagement vorgesehen. Derzeit läuft an der Hochschule ein Bachelorstudium Public Management.

Im Berliner Wissenschaftsverlag ist soeben das Buch zu den Studien erschienen: Berit Sandberg, Stand und Perspektiven des Stiftungsmanagements in Deutschland, 29 Euro. Mehr Infos im Internet: www.stiftungsmanagement-projekt.de

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