Zeitung Heute : Mehr Schaufenster

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Hilfe für das Raucherbein

Hartmut Wewetzer

Man kann ihren Puls tasten. In der Leistenbeuge. Hier tritt die Arteria femoralis, die Oberschenkelschlagader, in das Bein. Zwischen zwei mächtigen Muskelgruppen verläuft sie durch den Oberschenkel und windet sich nach hinten, um sich als Arteria poplitea in die Kniekehle hineinzuschlängeln.

Auf ihrem Weg hat sie viel auszuhalten. Ein Leben lang wird sie gezogen, gedrückt, gequetscht und verdreht.

Daran mag es liegen, dass die Oberschenkelschlagader viel häufiger als andere Beingefäße verkalkt. Die Folge einer verengten Schlagader sind Durchblutungsstörungen in den Beinen. Die schmerzen beim Laufen in der Wade oft nach kurzer Zeit. Wer darunter leidet, muss an jedem zweiten Schaufenster stehenbleiben, daher der Name Schaufensterkrankheit. Schreitet die Störung fort, werden die Füße blass und kalt, später kann Gewebe absterben. Im Klartext: Die Zehen werden schwarz.

Aber man kann etwas tun. Da sind zum einen die Risikofaktoren für Gefäßverkalkung, die bekämpft werden müssen. Aufhören mit dem Nikotin steht an erster Stelle (Raucherbein!), die Kontrolle der Zuckerkrankheit Diabetes an zweiter. Hoher Blutdruck und erhöhte Cholesterinwerte sollten gesenkt werden, auch Bewegung und Medikamente können helfen, die Durchblutung zu verbessern. Diese Maßnahmen nützen doppelt, weil die Gefäßverkalkung meist den ganzen Körper betrifft. Wer die Schaufensterkrankheit hat, dem drohen auch Herz- und Hirninfarkt. Und wer seine Gefäßrisiken verringert, der tut etwas für Herz, Hirn und Beine gleichzeitig.

Wie am Herzen kann auch an den Beinen ein verengtes Blutgefäß mit einem aufblasbaren Ballon aufgedehnt werden. „Die Patienten können schlagartig besser laufen“, sagt Karl-Ludwig Schulte, Spezialist am Gefäßzentrum Berlin/Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge. „Die Gehstrecke explodiert.“ Leider verengen sich die Gefäße oft wieder.

Österreichische Ärzte um Martin Schillinger von der Wiener Uniklinik gingen nun noch einen Schritt weiter. Sie setzten Patienten mit verengter Oberschenkelschlagader rund 13 Zentimeter lange röhrenförmige Gefäßstützen aus einer elastischen Nickel-Titan-Legierung ein. Danach verglichen die Forscher, ob diese Stents genannten Gefäßstützen besser abschnitten als die Ballonbehandlung. Nach einem Jahr war das Ergebnis der Patienten mit den Gefäßstützen tatsächlich günstiger. Sie hatten weniger erneute Gefäßverengungen und konnten weiter laufen als jene Kranken, die „nur“ mit dem Ballon behandelt worden waren.

„Diese Studie ist ein Schritt nach vorn“, kommentiert Schulte. „Vor allem, weil lange Gefäßabschnitte behandelt wurden.“ Aber noch ist nicht endgültig geklärt, wann eine Ballon- oder Stent-Behandlung oder gar eine Operation sinnvoll sind. Die Entscheidung hängt auch vom gefäßkranken Patienten ab: „Wer einen Halbmarathon laufen will, bekommt auch einen Stent“, sagt Schulte. Und lässt keinen Zweifel daran, dass der Läufer sein Ziel erreichen wird.

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