Zeitung Heute : Mehr Sex, weniger Schulden

Der Tagesspiegel

Der neue Premiere-Chef Georg Kofler hat dem Aufsichtsrat des verlustreichen Bezahlsenders sein Sanierungskonzept vorgestellt. Die Sitzung am Dienstag sei in einer „konstruktiven Atmosphäre“ verlaufen, sagte ein Sprecher. Die genauen Details sollen heute bei einer Pressekonferenz bekannt werden. Die Situation bei Premiere ist einer der Hauptauslöser der Krise bei Kirch. Der Sender macht täglich etwa zwei Millionen Euro Verlust. Zudem kann Rupert Murdoch im Herbst seine Premiere-Anteile für etwa 1,7 Milliarden Euro an Kirch zurückgeben. Dieses Geld kann die Kirch-Gruppe, die unter massiven Liquiditätsproblemen leidet, nach derzeitigem Stand nicht aufbringen.

Koflers Restrukturierungskonzept sieht nach Angaben aus dem Sender-Umfeld günstigere Einstiegspreise und eine einfachere Programmstruktur vor. Anfang bis Mitte 2004 soll Premiere laut neuem Business-Plan 3,5 Millionen Abonnenten – derzeit 2,4 Millionen – haben und eine schwarze Null schreiben. Unklar ist, wer die bis dahin anfallenden weiteren Verluste übernehmen soll. Daher gilt auch eine Insolvenz von Premiere als nicht ausgeschlossen.

Damit es so weit nicht kommt, soll es, unabhängig von Koflers Plänen für die Neuausrichtung des gesamten Premiere-Programms, im Abo-Fernsehen eines ganz sicher geben: mehr Sex und auch „einfache Pornografie“. Schon von April an will der Abosender eine „Konferenzschaltung“ anbieten. Drei Sex-Filme zum Preis von einem können Abonnenten dann bestellen. Erotik betrachtet man bei Premiere als „drittes, wichtiges und legitimes Angebot des Abo-Fernsehens“, wie Katrin Gogl, Leiterin der Unternehmenskommunikation, sagte. Was die Legitimität angeht, kann Premiere-Chef Kofler auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 22. Februar verweisen. Das Gericht hatte entschieden, dass es für die Zulässigkeit von Pornografie im Abo-Fernsehen in erster Linie darauf ankomme, ob der Jugendschutz gewährleistet sei. Die Vorinstanz, das Verwaltungsgericht Hamburg, wird sich also demnächst mit der Frage beschäftigen müssen, ob die einfache analoge Verschlüsselung, bei der die Decoder-Karte das einzige Zugangshindernis darstellt, als Jugendschutzmaßnahme ausreicht. Die Hamburger Richter waren davon ausgegangen, dass Premiere die beanstandeten Filme schon deshalb nicht hätte zeigen dürfen, weil sie pornografisch seien.

Für die Zukunft und für Koflers Pläne wird die Entscheidung in Hamburg allerdings keine Rolle spielen. Die Porno-Konferenz wird nämlich zusätzlich zur Decoder-Karte noch über einen vierstelligen Zahlencode geschützt sein und als „pay-per-view“-Angebot zusätzlich Geld kosten.

Die CSU äußerte grundsätzliche Vorbehalte gegen Koflers Pläne. Es sei eine moralische Frage, ob man Pornos im Fernsehen zulassen wolle, sagt Markus Söder, Vorsitzender der Medienkommission der CSU. Generell sei man in der Partei der Auffassung, dass Pornos im Fernsehen nichts zu suchen hätten. So denken aber, vor allem mit Blick auf Premieres wirtschaftliche Lage, nicht alle in der CSU. Auch Söder hält die doppelte Verschlüsselung als Jugendschutzmaßnahme zumindest für prüfungswürdig. jbh/hdi

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