Zeitung Heute : Mehr Urlaub wagen

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Von Markus Feldenkirchen

„Sie unterschätzen die Vorzüge des Naherholungsgebietes Hannover“, hat der Kanzler dieser Tage vor einigen Journalisten gesagt. Ganz ernst gemeint hat er das nicht. Vielleicht steckte auch ein bisschen Frust dahinter, darüber dass es in diesem Sommer nichts wird mit dem Urlaub, weil er daheim bleibt. Zehn Tage Erholung im frisch bezogenen Reihenhaus in Hannover, Beginn nächste Woche. Mehr ist nicht drin, der Wahlkampf… Auch Herausforderer Edmund Stoiber wird nicht fernreisen. Ein paar Tage ausspannen vielleicht. Wo und wann, das wissen seine Planer noch nicht. Der Wahlkampf beginnt in diesem Jahr noch früher als in den Jahren zuvor. Auch in der Sommer- und Ferienphase – sonst wahlkampftote Zeit – wollen sich die Parteien Wählerstimmen sichern. Das Spitzenpersonal vorneweg. Wochenlanges Abtauchen vor der heißen Phase – wie einst Helmut Kohl im Wolfgangsee – will sich keiner mehr leisten.

„Die nächsten Wochen sind für den Wahlausgang zwar nicht entscheidend, aber doch sehr wichtig“, sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa. Er spricht von einer „stabilisierenden Phase“, in der es darum geht, die „heiße Phase“ der letzten vier Wochen vorzubereiten, den Kampf um die große Zahl der Unentschlossenen. Rund 40 Prozent der Bürger entscheiden sich erst kurz vor Urnenschluss. In der Ferienzeit hätten die Parteien Gelegenheit, Vertrauen aufzubauen, das in den letzten vier Wochen in Mobilisierung umgesetzt werden könne, sagt Güllner.

Immer schön präsent sein

Wichtigstes Instrument der Wahlkampfplaner für die Sommerzeit sind die Reisen der Spitzenpolitiker. Nicht weil Reisen bildet, sondern weil Reisen den Eindruck erweckt, dass jemand aktiv ist, dass man sich kümmert. Kein Kandidat könne es sich leisten, auf die obligatorische Reise zu verzichten, meint Güllner. Genauso wenig, wie man auf die Großplakate in der Schlussphase des Wahlkampfes verzichten sollte. „Präsenz zeigen ist wichtig“, sagt Güllner. Zudem sei der Nahkampf mit dem Bürger eine Art „vertrauensbildende Maßnahme“, die viel tiefer gehe als jeder Fernsehauftritt. Auch wenn man via Glotze natürlich mehr Menschen erreiche. Kaum eine Region in Deutschland, die vom Einfall wahlkämpfender Prominenter verschont bliebe. Weil bei der Union zwischen Mutter und Schwesterpartei alles fein ausbalanciert sein muss, haben CDU-Chefin Angela Merkel und ihr Frühstückspartner Edmund Stoiber (CSU) gleich ein Staffelrennen durch die Politik geplant. Erst tourt Merkel zwei Wochen durch das Land; am 20. Juli übergibt sie den Reisebus auf der Strandpromenade von Binz auf Rügen an Stoiber.

Zuvor wird Merkel unter anderem im bayerischen Kloster Andechs, beim Seniorenfrühstück in Rheine (NRW), im Dinosaurierpark Münchenhagen oder auf der Seehundstation Friedrichskoog für das Programm der Union geworben haben. Stoiber wird die Sommerreise am 3. August in Helmut Kohls Revier mit einem Sommerfest der Frauenunion von Ludwigshafen beschließen.

Wahlkampf ohne Anzug, ohne Schlips, ohne abgedunkelte Limousinen – so das Motto der FDP. „Die Sommerzeit ist bei uns die Zeit des Guidomobils“, erläutert FDP-Sprecher Martin Kothe. Parteichef Westerwelle wird fünf Wochen lang als „neugieriger Urlaubsreisender“ kreuz und quer durch Deutschland reisen. Mal ein Bürgertreff im Landgasthof, mal ein Grillfest, auch Feiern im Tennis- oder Schützenverein. Wenig Betriebsbesichtigungen, keine Kundgebungen. Hin und wieder wird Westerwelle auf Campingplätzen übernachten. Die Reise sei der Versuch, massenweise Bilder zu generieren, auf denen der Parteichef und Spitzenkandidat keinen Schlips trage. Ein „wirklich hochinteressantes Experiment“, meinen die Strategen aus Westerwelles Planungsstab.

Beim Experimentieren stehen die Sozialisten dem liberalen Klassenfeind in nichts nach. Sie schicken in der Sommerphase zwei Mobile ins Rennen: einen ElbDampfer und ein „Frauenmobil". Schon nächste Woche soll in Berlin ein Wahlkampf-Schiff ablegen, mit dem die PDS vor allem nach Jugendlichen fischen will. Mit der immerjugendlichen Angela Marquardt an Bord soll es die Elbe entlang bis nach Lübeck schippern. Wahlpartys am Abend, Kandidaten im Kreuzverhör und Zwischenstopps in Jugendclubs. Im August fährt Parteichefin Gabi Zimmer gemeinsam mit Petra Pau und TV-Import Luc Jochimsen mit dem Frauenmobil durch den Westen der Republik.

Drei Auftritte am Tag

Bei den Grünen „fiebert“ Spitzenkandidat Joschka Fischer dem Beginn seiner Wahltour schon sehnlichst entgegen, wie es aus seiner Umgebung heißt: Kein anderer Grüner zieht mehr Leute zu Großveranstaltungen, kein anderer steckt aber auch mehr Energie in die direkte Auseinandersetzung mit dem Wähler. Am 6. August startet er im Wahlkampfbus zu einer fast siebenwöchigen Wahlrallye. Mit drei Auftritten am Tag ist das Programm so dicht, dass in dem Gefährt für den Außenminister sogar ein Büro eingerichtet wird. Anders als 1998 tourt Fischer diesmal im Auftrag seiner Partei – vor vier Jahren hatten Sponsoren den Einsatz finanzieren müssen. Die Reise mit Frühterminen, Jogging-Events und Abendveranstaltungen wird er nur kurz unterbrechen. Schwerpunkte sind Fischers Heimatland Hessen und der Osten Deutschlands. Auch die sechs anderen Mitglieder des Grünen-Spitzenteams schwärmen in kleineren Bussen aus und kümmern sich um ostdeutsche Wähler.

Einzig die SPD verzichtet auf durchgängige Werbereisen im Vorwahlkampf. Nach seinem Hannover-Urlaub muss Schröder fertig regieren. Nur gelegentlich wird er zwischen dem 20. Juli und Ende August bei Wahlkampfterminen erscheinen. „Die anderen reisen durch das Land. Wir regieren“, so die Botschaft von Kampa-Chef Matthias Machnig. Erst am 23. August beginnt die große Schröder-Tour, mit täglich zwei Großkundgebungen. Zuvor will die SPD aus dem Regierungshandeln punkten und einige Debatten bewusst befruchten: vor allem mit den Ergebnissen der Hartz-Kommission.

70 bis 80 Prozent der Menschen seien auch in der Ferienzeit zu Hause, sagt Machnig. Die meisten Menschen hätten in den Ferien mehr Zeit zum Lesen, sagt Machnig. Da kämen die Printduelle der Spitzenkandidaten gerade recht.

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