Zeitung Heute : Mehr Zuwanderer als Kanada

Bevölkerungswissenschaftler und Migrationsforscher sehen Deutschland an der Schwelle zu einer ethnisch und religiös gemischten Gesellschaft

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Von Rainer Münz

Politik bezeichnen manche als „Kunst des Möglichen“. Doch was alles möglich wäre, vermag die Politik nicht allein zu bestimmen. Sie bedient sich deshalb des Rates von Experten, Interessenvertretern oder Lobbyisten. Zu jenen, die gelegentlich um Rat gefragt werden, gehören auch Vertreter der Wissenschaft. Bevölkerungswissenschaftler werden zurzeit in Deutschland vor allem zu zwei Themen um Rat gefragt. Zum einen geht es um mögliche Konsequenzen der alternden und schrumpfenden Gesellschaft. Zum anderen geht es um die Frage nach der zukünftigen Zuwanderung.

Beide Themen wären auch ohne das Interesse der Politik von erheblicher Bedeutung. Denn in Deutschland gibt es seit geraumer Zeit mehr Sterbefälle als Geburten. Ohne Zuwanderung aus dem Ausland hätte die Schrumpfung längst eingesetzt. Und würde zukünftig niemand mehr zuwandern, dann hätte das Land Mitte des 21. Jahrhunderts keine 82 Millionen Einwohner, wie heute, sondern hier lebten dann nur noch 58 Millionen Menschen. Daher stellt sich früher oder später die Frage: Sollen wir versuchen, diese „Lücke“ durch Zuwanderung zu schließen? Oder müssen wir befürchten, dass Zuwanderung dieser Größenordnung unsere Integrationsfähigkeit überfordert?

Spätfolge des NS-Staates

Solche Fragen müssen letztlich politisch entschieden werden. Die Wissenschaft kann allerdings eine Reihe von Diagnosen und Fakten liefern, die eine sachliche Auseinandersetzung erleichtern. Wichtig sind in diesem Zusammenhang folgende Punkte:

Zwischen 1750 und 1950 emigrierten rund sieben Millionen Deutsche nach Übersee. Deutschland war somit bis in die jüngere Vergangenheit vor allem ein Auswanderungsland. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass wir nach wie vor erhebliche Mühe im Umgang mit Einwanderern haben. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zwölf Millionen Vertriebene ins Land. Ihnen folgten seit den 1950er Jahren mehrere Millionen Arbeitsmigranten, nachziehende Familienangehörige, politische Flüchtlinge und Aussiedler.

Heute hat die Bundesrepublik fast zehn Millionen Einwohner, die nach 1950 als Ausländer oder Aussiedler zu uns kamen. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts somit 22 Millionen Menschen mehr oder weniger erfolgreich integriert. Rechnet man die rund fünf Millionen Ost-West-Migranten zwischen DDR und BRD hinzu, dann ist die Integrationsleistung Westdeutschlands noch höher zu bewerten.

Diese Realität der Zahlen wird häufig übersehen: Immerhin leben heute in Deutschland absolut mehr Zuwanderer als im klassischen Einwanderungsland Kanada. Und relativ zur Gesamtbevölkerung hat Deutschland einen höheren Immigranten-Anteil als das klassische Einwanderungsland USA. Dies beweist: Mehr noch als die quantitativ fassbare Realität der Zahlen entscheidet das kollektive Bewusstsein darüber, ob sich eine Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft versteht. In Deutschland sind wir noch nicht so weit, wie nicht zuletzt der Streit um das Einwanderungsgesetz zeigte.

In Zukunft müssen sich Deutschlands Bürger entscheiden: Wollen sie Zuwanderung und damit auch eine ethnisch und religiös „buntere“ Gesellschaft mit neuen Konflikten akzeptieren oder wollen sie in einer „grauen“ und schrumpfenden Gesellschaft mit voraussichtlich weniger Wohlstand leben. Eine dritte Alternative gibt es nicht. Denn als Spätfolge des Geburtenrückgangs der 1970er Jahre schrumpft nun die Zahl der potenziellen Eltern. Keine noch so großzügige Familienpolitik wird somit verhindern können, dass es in Zukunft weniger Mütter gibt. Weitere Geburtenrückgänge sind fast schon programmiert.

Die Bevölkerungswissenschaft an der Humboldt-Universität erforscht Migration und Bevölkerungsentwicklung in Deutschland. Von Interesse ist dabei auch der Vergleich mit anderen Industriestaaten sowie der transatlantische Vergleich. Denn nach den USA ist Deutschland weltweit das zweitwichtigste Zielland von Migranten.

Der Autor ist Professor am Institut für Sozialwissenschaften, Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft und war Mitglied der Zuwanderungskommission der Bundesregierung.

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