Zeitung Heute : Mehrarbeit

Dagmar Rosenfeld

Entgegen der sonst üblichen saisonalen Entwicklung ist die Arbeitslosenzahl im Juli gesunken. Inwieweit ist das der Beginn einer Trendwende auf dem Arbeitsmarkt?


Es ist schon eine kleine Sensation, die der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, am Dienstagvormittag in Nürnberg verkündete: Die Arbeitslosenzahl ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten im Juli gesunken. 4,386 Millionen Jobsuchende zählt die Statistik – das sind 12 000 weniger als im Vormonat, und 451 000 weniger als im Juli vor einem Jahr. „Eine Wende zum Besseren“, nannte Weise diese Entwicklung. Das Wort Trendwende allerdings vermied er, obwohl nicht nur die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Monaten deutlich gesunken, sondern auch die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und die Zahl der offenen Stellen gewachsen ist.

Und dennoch, für eine echte Trendwende, reicht das nicht aus. Denn die Prognosen für das Gesamtjahr 2006 erzählen eine andere Geschichte. Die lässt sich grob in drei Sätze zusammenfassen. Ersten: Die Zahl der registrierten Arbeitslosen wird unter dem Jahresdurchschnitt von 2005 liegen, doch wird sich das kaum auf die Unterbeschäftigung in Deutschland auswirken. Zweitens: Die Beschäftigung wird zunehmen, doch wird die Zahl der voll sozialversicherungspflichtigen Stellen kaum steigen. Drittens: Die Konjunktur entwickelt sich besser als im Vorjahr, doch reicht der Aufschwung nicht, um auch die Langzeitarbeitslosen zu erreichen. All das geht aus einer Zwischenbilanz das Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.

So rechnet das IAB für den Jahresdurchschnitt 2006 mit 38,84 Millionen Erwerbstätigen – 60 000 mehr als im Vorjahr. Dieser Zuwachs wird aber nicht von sozialversicherungspflichtigen Jobs bestimmt, sondern im Wesentlichen von Selbstständigen, Mini- und Midijobbern. Das heißt an dem Problem, dass das Sozialsystem von zu wenig Beitragszahlern finanziert wird, ändert sich nichts.

Dass die statistische Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt voraussichtlich bei 4,56 Millionen Menschen liegen wird – das wären 300 000 weniger als 2005 – ist eine gute Nachricht. Die schlechte ist, dass dieser Rückgang nur wenig mit einer steigenden Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu tun hat, dafür aber viel mit statistischen Effekten. Das IAB schätzt, dass 170 000 Menschen im Laufe des Jahres aus der Nürnberger Statistik herausfallen werden. Das sind vor allem Menschen, deren Anspruch auf das Arbeitslosengeld I ausläuft und die dann kein Arbeitslosengeld II erhalten, weil entweder das Einkommen des Lebenspartners zu hoch oder noch Vermögen vorhanden ist. Die stille Reserve, also diejenigen, die eine Arbeit suchen, aber nicht arbeitslos gemeldet sind, wird 2006 bei 6,2 Millionen liegen – und damit nur unwesentlich unter dem Vorjahresniveau.

Das Kernproblem auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die hohe Sockelarbeitslosigkeit, bleibt bestehen, denn die Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt. Lag ihr Anteil an der Gesamtarbeitslosenzahl zur Jahresanfang noch bei 58 Prozent, so ist er zur Jahresmitte bei 65 Prozent angekommen.

Dass BA-Chef Weise nun verkündete, dass die Arbeitslosenzahl im Winter nicht wieder über fünf Millionen steigen werde, ist eine erfreuliche Entwicklung. Aber selbst, wenn es nur 4,8 Millionen Arbeitslose sein werden, so sind das immer noch 4,8 Millionen zu viel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben