Zeitung Heute : Mein 100-Sekunden-Film

Der Tagesspiegel

Helmut Dietl zögert. Das Thema fehlt noch. Das Thema unseres ersten eigenen Films, den wir gleich drehen sollen. In 27 Stunden ist Premiere. Die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Woche“, die „Bunte“ und der „Tagesspiegel“ lesen von den Lippen des Regisseurs. Dabei sagt er gar nichts. So blickt man auf Propheten. „Panzerkreuzer Potemkin!“, entfährt es Dietl schließlich. Die Wirkung der beiden Worte gefällt ihm. Warum kann das nicht immer so sein, dass Journalisten zu Tode erschrecken, wenn Regisseure etwas sagen? Dietl blickt uns an mit einer fein abgestimmtem Mischung aus Misstrauen und Wohlwollen. Ja, ja, er weiß schon: Zu schwer! Das sind ja alles nur Journalisten. Also gewissermaßen geborene Anti-Eisensteins, die über alles schreiben, ohne je etwas selbst gemacht zu haben.

Filme zum Beispiel.

Produzent meines Debüt-Films ist Studio Universal, jene Firma, die, wenn sie nicht gerade Erstlinge von Tagesspiegel-Autoren produziert, sich auch um Streifen wie „Jurassic Park“ oder „Notting Hill“ kümmert. Aber es gibt Unterschiede. Etwa im Budget. Unser Budget beträgt 1000 Euro. Auch soll mein Film kürzer werden als „Jurassic Park“. Universal hat an genau 100 Sekunden gedacht.

„Panzerkreuzer Potemkin“ in 100 Sekunden. Aber da leuchtet die Miene des Regisseurs auf im Lichte eines neuen, nunmehr endgültigen Entschlusses: „Some like it hot!“ Das ist es.

Es ist schon ein Uhr. Und wir haben noch nicht mal ein Drehbuch. Die „Süddeutsche Zeitung“ fixiert einen Punkt in unendlicher Ferne. Vielleicht befindet sich dort ihr Film. Die „Woche“ schweigt. Es ist sehr still bei der Fahrt ins Studio. Alle denken dasselbe. Filmemachen ist viel schwerer als schreiben. Wenn einem nichts einfällt, kann man immerhin schon mal anfangen zu schreiben. Beim Film geht das nicht. Im Gegenteil, du musst das Drehbuch szenisch auflösen und noch die letzte Kameraeinstellung einzeichnen, erklärt mein Produzent. – Aber wir haben kein Drehbuch, sage ich düster zum Produzenten.

Es ist gleich 14 Uhr. Worum geht es eigentlich in „Some like it hot“, fragt mein Produzent. Genau, da sind doch diese beiden arbeitslosen Musiker in New York. Demnach ist „Some like it hot“ ein tief sozialkritischer Film, und angesichts unserer neuesten Arbeitslosenzahlen … – etwas zwischen Dogma und italienischem Neorealismus muss es werden!, begreife ich sofort. Eine arbeitslose Schauspielerin, die eine Arbeit weit unter ihrer Begabung annehmen muss. Eine zutiefst demütigende Arbeit. – Sie synchronisiert einen Pornofilm! – Uuuuhhh!, Aaaahhh! macht der Produzent und malt Kreise auf ein Blatt Papier. Uuuhhh, Aaaah! – Dann werden wir ganz still. Ein bisschen – platt vielleicht? Und wo ist die Pointe? Es ist kurz vor drei. Unmöglich, jetzt noch einmal ganz neu anzufangen. Außerdem ist Uuuuh! – Aaaah! der ideale Text für unseren Film, denn Universal will die Micromovies nach ihrer Ausstrahlung im Basic-Paket von Premiere (Start ist heute um 20 Uhr 10, mein Film läuft am 31. Mai) auch in Italien, Spanien und England zeigen. Pornofilme versteht man überall.

Nur, wer soll das spielen? Wir wissen sofort, für eine solche Rolle braucht es eine ganz, ganz große Schauspielerin. Ich kenne eine ganz, ganz große Schauspielerin. Ich sage ihr, dass es ein Notfall ist. Ich erkläre das Drehbuch und seine eigenwillige sprachliche Gestalt. Schweigen in der Leitung. Ich wiederhole das mit dem Notfall. Angelica Domröse macht mit.

Schreiben ist reine Magie. Man schreibt „Shell-Tankstelle“, und schon hat man eine Shell-Tankstelle. Aber im Film? Das Studio muss alles besorgen. Shell-Tankstellen, Whisky-Flaschen (Marylin Monroes Bourbon im Strumpf!), Autos, Plakate und einen alten Tagesspiegel. Ein Tonstudio brauchen wir auch. Und die gedemütigte Schauspielerin eine Wohnung.

Die Shell-Tankstelle findet unsere Idee wunderbar, bei ihr einen Film zu drehen und will nicht mal Geld haben. Meine Hauptdarstellerin sieht auf die Tankfüllanzeige des geleasten BMW, ruft Uuuuh!, erblickt Shell – Aaaah! –. An der Tankstelle dann das erste Kabinettstück. Weder mein Kameramann von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ noch die anderen Tankenden haben je eine solche Tankstellen-Ekstase gesehen, denn natürlich muss man für die Synchronisation eines Pornofilms üben, und sei es an einer Tankstelle.

Meine Hauptdarstellerin mag den Kameramann. Er ist ein Profi, sagt sie. Sie ist ein Profi, sagt er. Ein Universal-Team kommt vorbei. Sie drehen ein „Making of“.

Neben das gemietete Tonstudio, direkt über „Radio Energy“ hängen wir das Veranstaltungsplakat für die „Freunde der italienischen Oper“. Hier findet die Synchronisation des Pornofilms statt. Mein Produzent ist der neurotische Aufnahmeleiter. Die Mitarbeiter des Tonstudios blicken voll Andacht auf die Sprecherkabine. So was hören sie nicht alle Tage. Aber der Aufnahmeleiter will mehr, mehr! Uuuuh! Aaaaah! Und dann, von einer äußersten Verzückungsspitze herunter, drei Oktaven tiefer der Satz: „Nobody is perfect!“

Wir mögen unseren Film schon jetzt. Man sollte jeden Tag einen Film drehen. Es ist 22 Uhr. Die Szene in der Wohnung fehlt noch. Die Pointe. Die Auflösung. Junges Mädchen isst heiße Suppe – die besten Tonstudio-Uuuhs! und Aaaahs! tremolieren dazu auf der Tonspur. Vor Schärfe. Vor Wohlgeschmack. Einblendung des Produktlogos in Lila und Orange: „Hot Spicy Soup!“ Kein Zweifel mehr: Some like it hot!

Am nächsten Morgen machen wir im Schneideraum aus über dreißig Minuten genau 100 Sekunden. Und ich begreife, das Wichtigste an einem Film ist der Cutter. Dann ist Premiere. „Süddeutsche“, „Die Woche“, „Die Bunte“, jedesmal ist es eine richtige Geschichte mit Anfang und Ende geworden. In 100 Sekunden. Dietl zögert wieder. Diesmal vor Überraschung. Das hätte er den Journalisten, diesen Anti-Eisensteinianern nun doch nicht zugetraut. Wir alle möchten jetzt jedes Jahr einen neuen Film machen. Genau wie Woody Allen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar