Zeitung Heute : Mein Bagdad, verlorene Stadt

Vor vier Jahren eroberten US-amerikanische Soldaten die irakische Hauptstadt. Voller Hoffnung kehrte Nadim Oda Khidir aus dem Exil in seine Heimat zurück. Nun musste der Intellektuelle erneut fliehen – religiöse Eiferer bedrohen sein Leben.

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Von Jens Mühling Immerhin, am Ende steckte die Patrone nur in einem Umschlag, den Nadim Oda Khidir eines Tages in seinem Briefkasten fand, dazu ein knappes Schreiben ohne Absender: „Verschwinde, Schiiten-Schwein!“ Als er den Zettel aus dem Umschlag zog, tanzte die Patrone klimpernd über den Boden und blieb schließlich vor seinen Füßen liegen, eine stumme Drohung, die Khidir fast erleichterte.

Immerhin, das Ding hätte auch in seiner Schläfe stecken können.

Lange stand er vor dem Briefkasten und wog die Kugel in der Handfläche. Sie war leicht, unfassbar leicht, und doch verschob sie das prekäre Gleichgewicht, auf dem sein Leben in diesen letzten Monaten in Bagdad beruht hatte. Bleiben oder gehen? Immer war diese Frage bei ihm gewesen, jeden Morgen war er mit ihr aufgewacht, jeden Abend mit ihr eingeschlafen. Mal schien sich das Pendel in die eine Richtung zu neigen, mal in die andere. Und am Ende, an jenem Schicksalstag vor drei Monaten, gaben ein paar Gramm Metall den Ausschlag.

Gehen.

Nadim Oda Khidir, ein kleiner, untersetzter Mann Anfang 40, lächelt sein wärmstes Lächeln, ununterbrochen, unerschütterlich. Seit einer halben Stunde telefoniert die Dame an der Hotelrezeption für ihn mit dem Flughafen Schönefeld, Khidir hat sich einen Koffer nachschicken lassen, er ist nicht aufzutreiben. Wäre da nicht dieses hypnotisierende Lächeln, die Rezeptionistin hätte längst aufgegeben. Khidir redet auf sie ein, unendlich langsam lässt er die geöffneten Handflächen vor ihr kreisen, seine Gestik wirkt wie ein sorgfältig choreografiertes Zeitlupenballett. Sein Leben mag aus dem Gleichgewicht geraten sein, sein Körper ist die Ruhe selbst, auch wenn er seit der Episode vor dem Briefkasten heimatlos durch die Welt driftet. In Damaskus hat Khidir vor zwei Monaten vorläufig seine Bücher deponiert, im Kopf ist er halb in Amman, halb in Tripolis, in beiden Städten wurden ihm Dozentenstellen an den Universitäten angeboten. Berlin ist nur eine Durchreisestation, das Institut für Auslandsbeziehungen hat ihn eingeladen, um hier über seine Erlebnisse im kriegsverwüsteten Irak zu sprechen. Gestern Abend hat er sich von Diplomaten befragen lassen, jetzt sitzt Khidir in der Hotellobby und muss wieder an Bagdad denken, sein Bagdad, seine geliebte, verfluchte Schicksalsstadt.

20 war er, als er Mitte der 80er Jahre aus dem südlichen Nadschaf nach Bagdad kam, um Philosophie zu studieren. Die Hauptstadt hätte jeden Provinzler überwältigt – mit ihren knapp sechs Millionen Einwohnern, den breiten, begrünten Promenaden am Ufer des Tigris, den alten Universitätsgebäuden, Kinos und Theatern, vor allem aber mit jener Atmosphäre relativer Freiheit, die selbst im Irak unter Saddam Hussein die Großstadt vor der Provinz auszeichnete.

Dazu kam für Khidir der kulturelle Resonanzraum der Stadt, Bagdads jahrhundertealte Tradition als eines der geistigen Zentren der arabischsprachigen Welt, angereichert um jene westlichen Einflüsse, die die britische Kolonialära hinterlassen hat.

Khidir blühte auf in diesem kulturellen Gemisch, er trat dem Schriftstellerverband bei, schrieb Gedichte und Kolumnen in den Zeitschriften der Hauptstadtintelligenz, promovierte über „Das Konzept der Vernunft in der arabisch-islamischen Geistesgeschichte“. Es ging gut, bis die Politik ihn einholte. Als Schiit blieb er für die sunnitische Machtelite Saddam Husseins ein suspekter Außenseiter, und als seine libertären Zeitungskommentare zunehmend angefeindet wurden, als ihm zugetragen wurde, dass seine Geheimdienstakte inzwischen 42 Seiten dick sei, verließ Khidir 1997 zum ersten Mal sein Bagdad. Sechs Jahre verbrachte er im Exil in Libyen, wo er weiter als Universitätsdozent arbeitete.

Vor vier Jahren, kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner, kehrte er zurück. Mit großen Hoffnungen, wie er heute sagt. Vor allem mit der Hoffnung auf ein Leben in geistiger Freiheit, die damals nicht geringe Teile des bürgerlichen Bagdads bewegt habe. „Wir alle sind bitter enttäuscht worden“, sagt Khidir.

Zuletzt, in jenen schweren Januartagen vor der Entscheidung zur Flucht, sei Bagdad kaum noch wiederzuerkennen gewesen, sagt Khidir, und ausschlaggebend seien nicht die Kriegsschäden gewesen. „Das Antlitz der Stadt, ihre gesamte Ausstrahlung hat sich radikal gewandelt.“ Am stärksten war die Veränderung in den Parks zu spüren. Von Khidirs Heimatstadtteil Kindl, einem der wohlhabenderen Viertel im Westen der Stadt, sind es nur ein paar Straßenzüge zum Zawra-Park, der größten Grünanlage Bagdads. Früher war der Park an jedem Wochenende voller Menschen, das Geschrei der Kinder auf den Riesenrädern und Karussels hörte Khidir bis in seine Straße. Besonders beliebt war der Park bei jungen Liebespaaren. Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit galten eigentlich als tabu, aber im Schatten der Bäume küssten sich die Verliebten trotzdem. „Heute kann man schon umgebracht werden, wenn man beim Händchenhalten erwischt wird“, sagt Khidir. „Seitdem sind die Verliebten aus den Parks verschwunden. Und nach ihnen verschwanden die Kinder.“ Die Grünflächen verkamen zu Müllhalden, zuletzt ging überhaupt niemand mehr hin. „Selbst die Vögel meiden jetzt den Park“, sagt Khidir.

Bei seinen Spaziergängen durch die Stadt trieben ihm die Veränderungen immer öfter Tränen in die Augen. Besonders in den alten Stadtteilen rund um die Mustansirija-Medrese, eine der ältesten islamischen Universitäten, die im 13. Jahrhundert am östlichen Tigris-Ufer gebaut wurde. Früher waren die umliegenden Viertel berühmt für ihre verwinkelten Händlergassen, die „Suqs“, in denen traditionelle Kunsthandwerker, Gold- und Silberschmiede, Tuchweber, Gerber, Sattler und Antiquitätenhändler ihre Waren verkauften. Sunniten, Schiiten und Kurden nutzten die Geschäftsräume gemeinsam, bis die zunehmenden Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen auch die Märkte erfassten. Es habe Säuberungswellen gegeben, sagt Khidir, immer wieder seien Brandbomben in einzelne Ladenlokale geflogen, bis die alteingesessenen Handwerker nach und nach das Viertel verließen. Heute klafft alle paar Meter ein Brandloch in den Häuserfassaden, der Müll türmt sich bis an die Mauern der Mustansirija-Medrese, und in den verdreckten Gassen verkaufen fliegende Händler nur noch billige Socken, Taschenlampen und Autoreifen. Verwaist sind auch die alten Karawansereien, in denen früher durchreisende Kaufleute aus der Provinz übernachteten und auf mitgebrachten Trommeln und Schalmeien Volkslieder spielten, um die Passanten auf ihre Waren aufmerksam zu machen. Verschwunden sind die Kinos und Reisebüros, die in den teureren Geschäftsräumen an der Uferpromenade residierten. Heute biete sich Spaziergängern am Tigris-Ufer ein irritierendes Bild, sagt Khidir: Hinter den opulenten Schaufenstern knien ölverschmierte Mechaniker, die in improvisierten Werkstätten Autos ausschlachten. Andere Fenster seien verhangen, um neugierige Blicke abzuhalten – ein Zeichen dafür, dass wieder irgendeine dubiose politische Gruppierung ein Ladenlokal besetzt habe.

„Alles, was urbane Kultur ausmacht, droht aus Bagdad zu verschwinden“, sagt Khidir. Betroffen sind davon auch die Universitäten und die Künste. Im Sommer 2004 hielt Khidir in der Schweizer Botschaft einen Vortrag über die religiöse Propaganda, die gerade in Bagdad zu zirkulieren begann. Er kritisierte die Modernisierungsfeindlichkeit der Islamistenführer und unterstrich die säkularen Aspekte der arabischen Geistesgeschichte. Nach dem Vortrag wurde er auf einen Mann aufmerksam gemacht, der im Zuhörerraum jedes seiner Worte notiert habe. „Ich hatte eine Grenze überschritten“, sagt Khidir. Der Mann stellte sich als Anhänger des radikalen Schiitenführers Muktada al Sadr heraus, den die US-Amerikaner für einen Großteil der Gewalt im Irak verantwortlich machen, seine Anhänger unterhalten eine eigene Miliz. Wenige Wochen später kamen die ersten Drohungen. Ein Trupp von al Sadrs Männern besuchte den Bagdader Schriftstellerverband, sie hielten kämpferische Reden, in denen sie Gesang und Musik verteufelten. Ausdrücklich warnten sie Khidir, seine unerwünschten Kommentare würden ihn noch einmal in große Gefahr bringen.

Al Sadrs Anhänger in der irakischen Regierung ließen derweil säkular eingestellte Beamte des Kulturministeriums durch gottesfürchtige Gefolgsleute ablösen. „Die Islamisierung griff immer weiter um sich“, erinnert sich Khidir. An den künstlerischen Fakultäten der Universitäten tauchten Agitatoren auf, die den Studenten die Beschäftigung mit Bildhauerei und Tanz untersagten. Als ein mit Khidir befreundeter Schriftsteller bei einer öffentlichen Lesung ein religionskritisches Gedicht vortrug, hielt sich einer der Zuhörer demonstrativ den Zeigefinger an die Schläfe. Professoren fielen Mordanschlägen zum Opfer, weil sie sich weigerten, ihre säkularen Lehrpläne zu überarbeiten. Kinos und Musikgeschäfte, Frisiersalons und Bars mit Alkoholausschank gingen in Flammen auf. Während einer laufenden Aufführung des Nationalensembles ermahnte der Kulturminister die Darstellerinnen, sie sollten auf der Bühne Kopftücher tragen. Und im Fernsehen berichtete eine deprimierte Ballettlehrerin, ihren Schülerinnen sei beim Tanzen weite Kleidung vorgeschrieben worden.

Besonders für Frauen sei die Atmosphäre in der Stadt unerträglich geworden, sagt Khidir. Schon kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner wurden in den Straßen die ersten Broschüren verteilt, in denen Frauen zu gottesfürchtigem Lebenswandel angehalten wurden: Dem Willen der Islamisten nach sollten sie weder Hosen tragen noch Mobiltelefone benutzen, nicht selbst Auto fahren und ihr Gesicht nur verschleiert zeigen. „Sie wollen Frauen zu wandelnden Särgen machen“, sagt Khidir. Am Anfang hätten er und seine Frau Nijoud noch über die Vorschriften gelacht. Nijoud sei ein sehr warmherziger, lebensfroher Mensch, sie lächle ununterbrochen und manchmal könne sie stundenlang über eine Bemerkung kichern. „Wenn wir zusammen durch die Straßen gingen, setzte ich eine Predigerstimme auf und ermahnte sie, nicht so viel zu lachen, ich flüsterte ihr zu, sie solle einen gottesfürchtigeren Gesichtsausdruck annehmen. Worauf sie natürlich noch mehr lachte.“

Dann wurden er und seine Frau eines Tages auf der Straße von Islamisten festgehalten, weil Nijoud zwar ein Kopftuch, aber dazu eine Hose trug. „Zum Glück kam gerade ein Taxi vorbei, das uns mitnahm. Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre.“ In extremistischeren Stadtteilen wie Abu Ghraib, wo das berüchtigte Gefängnis steht, seien Frauen schon auf offener Straße erstochen oder mit Elektroschocks gefoltert worden, weil sie ihr Gesicht nicht verschleiert hatten.

Am Ende aber hatte Khidir die Kugel in seinem Briefkasten nicht der Kleidung seiner Frau zu verdanken, auch nicht seinen Zeitungskommentaren oder den Vorlesungen an der Universität. Am Ende entschied die Liebe sein Schicksal. Khidir ist Schiite. Nijoud ist Sunnitin. Gemeinsam lebten sie in einem sunnitischen Stadtviertel, in dem Schiiten nicht mehr toleriert werden, seit Bagdad entlang seiner konfessionellen Grenzen zerfällt. Sie hätten umziehen können, in ein Schiitenviertel. Aber dann hätte die nächste Kugel Nijoud gegolten.

Khidir kann nicht sagen, wie viele Menschen im Irak in schiitisch-sunnitischen Ehen leben wie er und seine Frau. Es sind viele, glaubt er, gerade in Bagdad. Die einzige Zahl, die er nennen kann, ist jene erschreckende Statistik, die vor kurzem ein befreundeter Richter veröffentlichte: Täglich, heißt es darin, werden in Bagdad etwa 30 Ehen zwischen Schiiten und Sunniten geschieden, weil viele Menschen keinen anderen Ausweg mehr sehen.

Wer noch einen Ausweg sieht, verlässt das Land. Es sind die, die über die nötige geistige Wendigkeit und materielle Absicherung für einen Neuanfang im Ausland verfügen: Intellektuelle wie Khidir, Künstler, Wissenschaftler, Geschäftsleute, Anwälte, Lehrer, Architekten, Mediziner. Eine gewaltige Auswanderungswelle spült Bagdads bürgerliche Elite aus dem Land. Was bleibt – in den Universitäten, in Amtsstuben, Kliniken, Schulen und Kanzleien –, sind religiöse Eiferer und bewaffnete Marodeure, die die Lücken gierig füllen.

„In den letzten 25 Jahren“, sagt Khidir, „haben die Menschen im Irak von einem Krieg zum nächsten gelebt.“ Bis 1988 dauerte die Auseinandersetzung mit dem Iran, 1990 folgte der Kuwaitkrieg, seit 2003 sind die Amerikaner im Land. „Alle diese Kriege waren schlimm. Aber der letzte hat Bagdad endgültig zerstört.“

Die Dame vom Hotel unterbricht höflich, der Koffer sei leider nicht aufgetaucht, ob Khidir trotzdem ein Taxi ...? Khidir nickt dankend, ja bitte, zum Flughafen. Als die Frau geht, starrt Khidir einen Moment lang nachdenklich den Boden an, dann zuckt er mit den Schultern, er lächelt. Was ist schon ein verlorener Koffer, wenn man eine Stadt verloren hat.

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