Mein Blick : Von Winnenden zum Feminismus

Während die Politik schnellen Schuldzuweisungen widerstand, gab es eine, die immerhin wusste, was das Motiv des Amokläufers war: Alice Schwarzer.

Alexander Gauland

BerlinEs war eine Katastrophe, die hätte stumm machen müssen, da sie einfache, eindimensionale Erklärungen ausschließt. Nun ist Schweigen in der Mediengesellschaft nicht vorgesehen. Unbarmherzig werden Wissenden wie Unwissenden Mikrofone vorgehalten, wird nach Erklärungen gesucht, auch wenn die Suchenden wissen, dass der Vorgang unerklärlich bleibt und Bundeskanzlerin, Innenminister, SPD-Vorsitzender und selbst die meisten Psychologen genauso ratlos sind wie die Fragenden.

Es war deshalb ein Gewinn, dass die Politik schnellen Schuldzuweisungen widerstand, dass sie den Gestus „Ich habe es immer schon gewusst“ mied und einräumte, dass hier wohl alle Stellschrauben, mit deren Drehen Politiker sonst Tatkraft demonstrieren, kaum Wirkung zeigen werden. Am eindrücklichsten war das besorgt-ratlose Gesicht des brandenburgischen Innenministers und bekennenden Großvaters Schönbohm, der sonst so gerne eine flotte Erklärung parat hat, und dessen ungewohnte Hilflosigkeit so sympathisch wirkte wie die Tastversuche mancher von wissenschaftlicher Selbstgewissheit weit entfernten Psychologen.

Nun soll hier nicht der Blindheit das Wort geredet werden, wo Aufklärung möglich wäre, doch dass eingestandenes Nichtwissen nicht nur sympathischer wirken, sondern auch kompetenter sein kann als ein vorschnelles Urteil, hat die Politik nach Winnenden gezeigt. Umso unangenehmer wirkte die gusseiserne Selbstsicherheit der Berufsfeministin Alice Schwarzer, die sich ganz sicher war, dass Frauenhass das treibende Motiv des Täters war. Dass mehr Mädchen als Jungen dem Amoklauf zum Opfer fielen, ist unbestreitbar, welche Rolle hier der Zufall der Anwesenheit gespielt hat und was im Kopf des Täters vorging, wird wohl nie zweifelsfrei geklärt werden. Doch für die „Emma“-Herausgeberin gibt es keinen Zweifel: Die männlichen Allmachts- und Todesfantasien sind das Dynamit. Dass dann im Gegenzug die feminine Atmosphäre mancher Klassenzimmer beklagt und die Jungen als potenzielle Absteiger eines die Mädchen fördernden Schulsystems ausgemacht werden, verstärkt jene fatale Sichtweise auf gesellschaftliche Probleme, die selbst die größte menschliche Katastrophe nur durch die Brille der eigenen Ideologie wahrzunehmen vermag.

Es mag ja sein, dass Frau Schwarzer sich viel Verdienste um die Gleichberechtigung der Frauen erworben hat, ihr jüngster Schnellschuss aber macht verständlich, weshalb manche Christdemokraten ein gewisses Unbehagen verspüren, wenn ihre Parteivorsitzende mit dieser Frau posiert. Denn Feminismus wird zum Teil des Problems, wenn er sich als Mittel zur Lösung aller Probleme aufspielt.

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