Zeitung Heute : Mein Freund das Bild

Zur Langen Nacht der Museen am nächsten Samstag werden zigtausende Besucher erwartet. Vier Geschichten von Menschen, die immer tagsüber hingehen.

Elisabeth Wagner

Museums-Stammgäste sind Süchtige, die ihre Droge nur ungenau benennen können. Sie versuchen es mit großen Worten, berufen sich auf „Schönheit“ und „Erhabenheit“. Die Fantasie, sie fühle sich gesteigert. Genauer könne man es eben nicht fassen, sagen sie und schnappen dabei ein bisschen nach Luft. „Schwer zu erklären“, meint auch ein Herr Mitte 60, „jeder erlebt es auf seine Weise.“ Der Herr in leichter Sommerjacke und mit tiefen Lachfalten um hellgrüne Augen gibt seine Jacke an der Garderobe ab. Er warnt.

DER SCHWÄRMER

Er sei kein Kunsthistoriker, bloß Laie, ein interessierter zwar, aber ein Laie. Auf dem Land sei er aufgewachsen, sagt er, „in der Provinz“. Als junger Verkäufer für Damenoberbekleidung kam er vor 40 Jahren nach Berlin. Der Stammgast zieht seine Dauerkarte, zeigt sie beiläufig am Eingang der Gemäldegalerie. „Ich stehe allein, müssen Sie wissen, ich bin niemandem verpflichtet.“ – „Nur der Kunst.“ Der Stammgast zeichnet mit den Armen schwungvoll einen Halbkreis. „Schönheit, wohin Sie sich wenden!“, ruft er aus und entscheidet sich für ein erstes, „sehr persönliches“ Beispiel. Links, gleich vorn im Saal der italienischen Renaissance eilt er vor den Heiligen Sebastian des Sandro Botticelli. „So viel zum menschlichen Ebenmaß“, sagt er und verharrt, als fürchte er, etwas Dummes zu sagen, in Schweigen. „Schönheit ist ein Einzelfall“, sagt er dann, „ein Original, und keine kopierbare Ware.“ Etwas Tröstliches liege darin. Obgleich die Schönheit zu stark werden könne, mächtig wie ein berauschendes Gift. „Einmal in Florenz...“, beginnt der Herr mit den hellgrünen Augen und berichtet von einem Besuch der berühmten Uffizien in Florenz vor vielen Jahren.

„Erschlagen“ fühlte er sich, „überwältigt“, und nach dem Anblick all der Meisterwerke irrte er vor dem Museum auf der Piazza della Signoria umher. Er musste jemanden finden, mit dem er reden, mit dem er seine Begeisterung teilen könnte. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche.“ Der Stammgast erinnert sich an das verständnisvolle Nicken eines freundlichen alten Ehepaares. „So treibt einen die Kunst zurück zu den Menschen“, sagt er und läuft durch die kostbar bespannten Räume wie durch einen blühenden Park. Ob er lange bleiben wird, oder nur kurz, er wird es seiner Stimmung überlassen. Fleißig muss er nicht sein, muss nichts absolvieren. Anders als der Mensch auf Stippvisite, der meistens ja gleich „alles“ sehen muss, der sagen will, dass „sich der Eintritt lohnt“.

Einen Stammgast kümmert das nicht. Er kommt an diesem Sonntag vielleicht bloß, um sich auf einer Bank vor Tizians Venus auszuruhen vom Trittschall aus der Wohnung über ihm. Oder um seine Nervosität zu bekämpfen vor dem anstehenden Arztbesuch am nächsten Morgen, um in Gesellschaft der eigenen Träume zu sein, die sich nach all den Jahren um die Bilder ranken wie Efeu um ein verwunschenes Schloss. Die Welt „da draußen“ kann ihm jedenfalls gestohlen bleiben, ihre Lautstärke, ihre Angeberei. Für eine Weile ist er einfach weg.

DIE NACHDENKLICHE

Bei ihr war es ein Schleichen. Ein Fortstehlen von der Arbeit am Gericht, den Gedanken an die Familie. Wenn das Kind schlief, kochte sie sich abends ihren Kaffee, beugte sich nächtelang über die Akten. Wollte die junge Frau mit sich allein sein, blieb höchstens eine Stunde im Museum am frühen Nachmittag. Wann immer möglich, verschwand sie zu dieser Zeit aus dem Gericht, wechselte von den Fällen des Zivilrechts zu den einsamen Bäumen des Caspar David Friedrich. „Freiheit“, so möchte sie es nennen, und zwar nachdrücklich. Die heute graugelockte Dame trägt eine beige-farbene Hose, dazu ein Bouclé-Jackett. Zierlich ist sie. „Viel zu dünn“ findet sie sich selbst. Das Make-up ist makellos, der Blick höflich bestimmt. Sie gehe heute, nach der Pensionierung, lieber vormittags, und immer noch am liebsten ohne Begleitung. Für jeden neuen Museumsbesuch trennt sie sich am Eingang von ihrem Mann. „Es denkt sich besser allein, es träumt sich besser allein.“

Wo viele Menschen sind, weicht sie aus. Es mutet an wie ein Gesetz. Aber das Gesetz kennt eine Ausnahme. Ein Bild darf auf dem Weg durchs Museum niemals fehlen, und sei es noch so umlagert. Ihr kleiner Sohn saß einmal davor, als Kind vor dem Blühenden Kastanienbaum des Pierre-Auguste Renoir. Die Besucherin zeigt auf den Fußboden vor dem Gemälde im ersten Stock der Alten Berliner Nationalgalerie, so als hätte sich die Szene hier abgespielt.

Tatsächlich saß der Sohn nie auf diesem Boden, nie in diesem Haus. Bevor das berühmte Bild an seinen Platz zurückkehrte, hing es auf der westlichen Seite der geteilten Stadt. Die Erinnerung schert das nicht. Angepirscht habe sie sich, sagt die graugelockte Dame. Angeschlichen, um den Sohn heimlich zu beobachten, ihn zu sehen zwischen anderen Kindern, die in diesem Augenblick die Neugier einte an der Pracht eines Baumes und an vier kleinen Figuren im französischen Mai. Die Besucherin nimmt Platz auf einer Bank mitten im Saal der Impressionisten. Die Aussicht ist verdeckt. Eine Schulkasse umringt den Renoir. Ihr Sohn sei mittlerweile ein erwachsener Rechtsanwalt, sagt die Richterin, auch er liebe die Kunst, die großen Museen der Welt. Postkarten schreibe er von überall.

Die Dame im Bouclé-Jackett, plötzlich sehr ernst, erhebt sich. Für heute, sagt sie, sei es genug.

DER EXPERTE

Wieder ist es ein Renoir, der ein Leben verändert, oder die Richtung eines Blicks. Es geschah auf einer Dienstreise nach Washington, Anfang der 90er Jahre, und eigentlich sollte er, der Chemiker aus Berlin, in jener Woche über nichts nachdenken als über gefährliche Schiffsladungen und Sicherheitsvorschriften für Sprengstoff. Mit den Vertretern der britischen, der amerikanischen Regierung war zu verhandeln, die Kräfte waren angespannt, als ihn ein Kollege während der Mittagspause in die National Gallery entführte. Eine Stunde blieb, um sich zu verlieben.

Wie das Gemälde hieß? Der Chemiker kann sich nicht erinnern. Nur an den Eindruck, den es machte. Nie zuvor war ihm das passiert. Ihm, dem promovierten Naturwissenschaftler, der sich hineinwagte in detonierte Grubenschächte, sich umsah in Lagerhallen, die Tonnen bargen von Nitroglycerin, und in denen man Risiken für die Sicherheit vermutete. Jetzt lief er für die Dauer einer zehntägigen Konferenz jeden Mittag in ein Museum vor das Bild einer jungen Frau, die ihm „lebendig“ erschien und für deren Anmut er ansonsten keine Worte fand. Sie fügte sich nicht in sein „Lebensschema“. Der Chemiker lacht.

„Wie funktioniert das? Das Angesprochensein und das Nichtangesprochensein.“ Er weiß es bis heute nicht, obwohl er seit jenen Tagen in Washington in jedes Museum gegangen ist, das er finden konnte. Keine Konferenz ist verstrichen, ohne dass er die Mittagspausen in der nächstliegenden Galerie verbrachte. In London, Madrid, in Paris besuchte er jedes Meisterwerk der Malerei. Aber die Kunst gab ihr Geheimnis nicht preis. Er müsste die Sache „systematisch“ untersuchen, aber dazu fehlte die Zeit. Mit der Pensionierung 2001 änderte sich das.

Eine Radiosendung über Weiterbildungsangebote in den Staatlichen Museen Berlins erreichte ihn wie eine Botschaft. Vielleicht wäre das seine Chance, dachte er und fuhr in den nächsten Tagen auf dem Fahrrad zum Museum. Dort hörte er von den Symbolen der Vergänglichkeit, der Entdeckung der Perspektive, sah, wie man neben ihm Operngläser zückte, um die Erläuterungen der Kunsthistoriker millimeterweise zu verfolgen. Ihn amüsierte das, lässige Verspieltheit war nie seine Sache. Als gewissenhafter Zuhörer fiel er dennoch auf. Nützlich könnte er sich machen, hieß es dann. Man bat ihn, alte Fotografien von Kirchen für ein Archiv zu ordnen. Auch diese Aufgabe nahm er ernst. 20 000 Fotos hat er katalogisiert, bis ins Detail beschrieben. Er hat jetzt einen Schlüssel fürs Museum, betritt die Welt der Schönheit durch die Hintertür.

Sein Rücken schmerzt, „die Bandscheibe“. Lange kann er nicht mehr stehen vor einem Bild. Ob ihn die Kunst verändert habe? Ein Anflug von Traurigkeit zeichnet sich ab. „Nein“, sagt der Chemiker „man bleibt der, der man ist.“ 30 Jahre sei er verheiratet, er habe einen Sohn, keine Enkel. Seine Ehefrau teile es nicht, das Leben in den Museen. Er habe sie allerdings auch nicht darum gebeten. „Sie liest viel“, sagt der Experte, „wir passen im Grunde nicht zusammen.“ – „Liebe“ sei es, sonst nichts. Fast scheint das wenig. Vielleicht, dass sich die Kunst noch zwingen lasse. „Ich will die Schönheit begreifen“, sagt der Wissenschaftler und lächelt, wie man lächelt angesichts eines aussichtslos überlegenen Gegners.

DIE ROMANTIKERIN

Ein Berliner Nachbar sprach sie an. Er kam ihr auf dem Fahrrad entgegen und stieg ab. Ob sie sich nicht mal etwas Neues zum Anziehen kaufen wolle, fragte er, sie sehe so verloren aus in ihrem alten, zerknitterten Trenchcoat. Und überhaupt, es sei Sommer, warum eine junge Frau wie sie nicht etwas Leuchtenderes trage. Sie verstand die Frage nicht. Der alte Trenchcoat schien ihr angebracht für diesen Sommer. Eine Beziehung war verloren, ihr fehlte die Lust auf Eitelkeiten. Ein Museumsbesuch war das Äußerste, worauf sie sich mit sich selbst hatte einigen können. Hinten im Schrank fand sie noch einen fast ungetragenen schwarzen Pullover, einen lange vermissten Seidenschal. Im Museums-Café bestellte sie nach einem ersten ruhelosen Gang vorbei an der Kunst einen Kaffee.

Erleichterung stieg in ihr auf. Hier war sie sicher. Sollten doch draußen die penetrant gut gelaunten Akteure des Sommers herumlaufen, sie würde Woche für Woche ins Museum gehen. Die Menschen kamen ihr hier ohnehin viel sympathischer vor. Die Studentin lief durch die Säle, vorbei an immer denselben Gemälden. Je öfter sie hinsah, desto prächtiger erschienen sie ihr.

Gegen Ende des Sommers, vor einer der Venedig-Ansichten Canalettos, lud ein Mann sie ein ins Museums-Café. Sie lehnte ab. Sie würde sich erholen von allen Niederlagen. Erst dann würde sie die Museumsbesuche – zumindest gelegentlich – eintauschen gegen gefährlichere Formen der Weltbegegnung. Ganz sicher aber würde sie sich für den kommenden Herbst einen neuen Mantel kaufen.

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