Zeitung Heute : Mein Freund der Rivale

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Nach langem Streit wollen die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt enger aneinander rücken: Indien und China. Was könnte das politisch, wirtschaftlich und strategisch für Folgen haben?

Fast ein halbes Jahrhundert hat der Streit um den Verlauf der über 4000 Kilometer langen Grenze die benachbarten Riesenreiche entzweit. Nun scheinen beide Seiten gewillt, den Konflikt beizulegen und einen Neustart zu wagen. Die nun unterzeichneten Abkommen sind zwar nur ein erster Schritt, aber sie könnten den Beginn einer neuen Ära markieren – der auch für den Westen Folgen hat.

Die angestrebte strategische Allianz zwischen den zwei asiatischen Großmächten, wenn sie denn wirklich zustande kommt, könnte am Ende die Weltgewichte nachhaltig verschieben. Wirtschaftlich und politisch. Das Gewicht Asiens würde wachsen, das Gewicht der USA und Europas dagegen relativ sinken. Fast schwärmerisch sprach Chinas Regierungschef Wen Jiabao zum Abschluss seines Besuchs in Indien von einer „Brücke der Freundschaft“.

Die neue Annäherung zwischen China und Indien ist zunächst wirtschaftlich motiviert. Sie wollen ihren Handel von 13,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004 auf 30 Milliarden US-Dollar 2010 mehr als verdoppeln. Grenzkonflikte hemmen da nur. Zumal China nach den Küstenregionen nun auch den rückständigen Westen in der Nähe zum Nachbarn Indien wirtschaftlich voranbringen will. Auch im Energiebereich erhoffen sich beide Seiten Vorteile. Darüber hinaus wollen sie die Chancen für eine Freihandelszone ausloten. Diese würde nach derzeitigem Stand 2,3 Milliarden Einwohner, also ein Drittel der Weltbevölkerung umfassen und damit zum größten Handelsraum der Welt, vor der EU und den USA.

Indien, das seine Märkte nur langsam öffnet, zögert hier jedoch noch. Zunächst soll die neue Partnerschaft im IT-Bereich erprobt werden. Als Indiens Stärke gilt die Software, also die Programmentwicklung, China ist dagegen bei der Hardware, also den Geräten gut. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao ließ keinen Zweifel, dass beide Länder damit auch den Westen herausfordern, und sagte ein „asiatisches Zeitalter“ voraus: „Wenn Indien und China in der IT-Industrie kooperieren, sind wir in der Lage, die Führungsrolle in der Welt zu übernehmen.“

Geopolitisch birgt eine solche Achse das Potenzial, die Konstellationen nachhaltig zu verändern. Nicht nur Indiens Erzfeind Pakistan, das sich bisher an China und die USA hielt, müsste sich neu orientieren. Auch die USA dürften das Geturtel zwischen den Großstaaten mit Argwohn betrachten. China sieht in einer strategischen Partnerschaft mit Indien nicht zuletzt einen Weg, die globale Vormachtstellung der USA zurückzudrängen. Dagegen wollen die USA Indien als Gegenmacht auch zum erstarkenden China aufbauen. Indien hält sich bedeckt, und genießt die Rolle des Umworbenen. Zwar hängt die Führung einer multilateralen Weltordnung an, bemüht sich aber zugleich um gute Beziehungen zu Washington.

Noch ist die neue chinesisch-indische Bruderschaft aber nicht mehr als Zukunftsmusik. Der indische Elefant und der chinesische Drache haben noch einen weiten Weg zu gehen. Nach Jahrzehnten des Streits sitzt das Misstrauen in den politischen Eliten tief, eine endgültige Einigung über den Grenzverlauf steht noch aus, wirtschaftlich konkurrieren beide Seiten in vielen Feldern miteinander – und nicht zuletzt ideologisch trennen die indische Demokratie und die chinesische Diktatur Welten.

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