Zeitung Heute : Mein Freund, der Soldat

Er verließ Berlin und fuhr in den Irak. Michael Tucker drehte einen Film und war dem Krieg so nah wie wenig andere

Judka Strittmatter

Die Sieger. Sie fahren durch Bagdad und lächeln. Hinter ihrem Geländewagen laufen Kinder, sie nähern sich, lachen und winken. Einen Moment lang möchte man zufrieden sein mit dieser Szene, sich in ihr ausruhen. So könnte es gewesen sein, damals, im Mai 2003. Dann hört man die Kinderrufe direkt am Ohr, und das Bild, so verführerisch, implodiert: „Haut ab nach Hause!“, rufen sie, „Go home!“

Eine Szene aus dem Dokumentarfilm „Gunner Palace“. Seine Macher sind Michael Tucker, ein Amerikaner aus Seattle und Petra Epperlein, eine Deutsche aus Chemnitz, Filmemacher beide und ein Paar seit zehn Jahren. Sie leben in Berlin-Prenzlauer Berg. Ihre Tochter, neun Jahre alt, geht hier zur Schule und 2003, im Februar, haben sie mit tausenden anderen gegen den Irakkrieg in dieser Stadt demonstriert.

Ein paar Monate später, im Mai und September 2003, stand Michael Tucker plötzlich selbst mitten in diesem Krieg. Offiziell war er beendet, in Wahrheit ging er erst richtig los. Mehrere Wochen begleitete „embedded“ Tucker das 2. Bataillon der 3. Feldartillerie, die „Gunners“, durch Bagdad. Tucker zeigt den Verfall einer Truppe, deren Vertreter zu Beginn des Krieges noch vom Cover des „Time“-Magazins strahlten, und für die es viele Monate später, beim Sturm auf Falludscha etwa, nur noch darum geht, zu überleben.

Tucker sagt, viele Kollegen, denen er es gezeigt hätte, seien erstaunt gewesen über sein Material. Zum Anschauen bittet er in das familieneigene Arbeitszimmer, das auch Filmwerkstatt ist und Kriegsreporterfundus. So nah wie kein anderer sei er dem Krieg gewesen, sagt Tucker selbst. Zu nah, um noch ein unabhängiger Journalist zu sein. „It all became personal“, schrieb Tucker einmal in seinem Tagebuch, das er im Internet veröffentlichte.

Aber dieses Journalisten-Etikett, sagt er, nehme er nicht für sich in Anspruch, das eines Dokumentarfilmers schon: Tief reingehen in die Materie, in die Truppe in diesem Fall. Großmäulige Posen ebenso zeigen wie Reue und Frustration. Härte genauso wie Menschlichkeit. Auf 85 Minuten Filmmaterial sieht man GIs nachts irakische Häuser stürmen und Menschen verhaften, man hört aber auch einen Soldaten die Frage stellen: „Ist die Fessel zu eng?“ Da liegen sie in den Besitztümern der Besiegten, da zweifeln sie – andererseits – am Sinn ihres Einsatzes und fühlen sich von ihrer Regierung verraten und verkauft. Am Anfang ist die Attitüde noch selbstbewusst und Tuckers Kamera immer dabei: im Pool von Udai Husseins Palast, den sie okkupieren, beim Schlafen im Bett des Diktatorensohnes. Es wird gerappt, immer wieder, es wird gezweifelt, immer mehr. Und Tucker ist einer von ihnen. Deshalb spricht er wie einer von ihnen: „Du denkst, du gehst in einen dieser Filme wie ,Platoon’ oder ,Full Metal Jacket’, aber spätestens, wenn der Erste tot ist, hält der Film an, und du stehst in der beschissenen Wahrheit.“ Einige Protagonisten seines Films sind nicht mehr am Leben. Manche waren beeindruckende Menschen, sagt er.

Michael Tucker, Jahrgang 1966, hatte seinen ersten Geburtstag, da schiffte sich sein Vater nach Vietnam ein. Verwundet kam er nach Hause. Tucker sagt, er hasst den Krieg. Aber nicht die Soldaten. Die haben sein Mitgefühl. Er kann sich in ihre Familien hineinversetzen, sagt er.

Im deutschen Fernsehen werden sie ihren Film nicht zeigen. Die Arte-Redaktion sagte ihnen warum: Zu schwierig sei das Thema nach den Folterungen in Abu Ghraib. Zudem, sagt Tucker, habe er den Eindruck, Dokumentarfilme seien generell schlecht unterzubringen.

Wenn es nicht das Fernsehen ist, ist es vielleicht das Kino. Das würde ihnen als Medium ohnehin besser gefallen. Bei der Berlinale 2005 haben sie sich mit „Gunner Palace“ beworben. Eine wohlwollende Besprechung gab es im britischen „Guardian“ und 700 ermunternde E-Mails aus der ganzen Welt.

Ein Krieg sei nie nur schwarz und weiß, sagt Tucker, in einem fördere er das Beste, in einem anderen das Schlechteste zutage. „Die 400 Soldaten, die in Udais Palast hausten“, sagt Tucker, „waren auch 400 Individuen – ein komplexes Mosaik von Charakteren.“ Und immerhin sei es auch ein amerikanischer Soldat gewesen, der die Folterungen in Abu Ghraib aufgedeckt habe. Tucker beharrt darauf: Der Krieg ist Grauzone. Da arbeiten an einem Tag die Iraker mit den Amerikanern zusammen, am nächsten operieren sie gegen die Besatzer.

Die „New York Times“ hat über Epperlein und Tucker geschrieben, in einem Artikel über das Internationale Filmfestival in Toronto im September dieses Jahres. Ein Adelsschlag, findet Michael Tucker. Über 300 Filme würden da gezeigt. Jüngst sind sie von Filmfesten in Dubai und Italien eingeladen worden. Menschen im Ausland werden „Gunner Palace“ also sehen. Das, sagen die beiden, sei schon mal ein Anfang.

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