Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Aurikel

Ursula Friedrich

Schon wegen ihres Namens möchte ich sie im Garten haben: Aurikel. "Samtäugige Aurikel" wird sie in einer englischen Gartenzeitung des 19. Jahrhunderts genannt. Sie war damals die schönste und beliebteste Blume in den Vorgärten der englischen Arbeitersiedlungen. Höhere Kreise sprachen Nase rümpfend von "Arbeiterblumen" und vergaßen ganz, dass sie davor auch in den adligen Parks und Gärten gezogen worden waren, als die Samen noch teures Geld kos-teten. Jetzt kam die Aurikel aus der Mode, und als die Industrieviertel immer stärker überbaut wurden, verschwand sie auch bei den kleinen Leuten. Heute ist sie fast vergessen, außer man liest Wilhelm Buschs Bildergeschichte "Schnurrdiburr", wo die Aurikel als Kellnerin für die Bienen arbeitet und unglücklich in einen Krokus verliebt ist. Aber wer liest noch Wilhelm Busch, abgesehen von "Max und Moritz"?

Arme Aurikel. Bei meinem Gärtner finde ich sie nicht, als Samentütchen gibt es sie nirgends. Dabei war sie doch schon den alten Römern bekannt. Primula auricula, auch Gamsblume oder Bärohr. Eine von 400 Primel-Arten, die vielgestaltig in den Regionen der nördlichen Halbkugel bis China und im Himalaja vorkommen. Im Pflanzenlexikon ist die Aurikel als Gebirgsstaude beschrieben mit den typisch ohrenförmigen Blättern, der sie ihren Namen verdankt. Auricula heißt "kleines Ohr". In der Natur blüht sie gelb, als Zuchtform blaßgrün, rötlich, schwarzlila mit weiß bemehltem Blütenkern. "Hat heute nur noch wenige Liebhaber", heißt es auch im Lexikon.

Dabei gilt sie als eine so dankbare Blume, wenn ihr nur ein paar Wünsche erfüllt werden - ein tiefes, kühles Wurzelbett, leichte, mit viel Laub durchsetzte Erde, etwas Schatten im Sommer und genügend Feuchtigkeit. Experten empfehlen als ideales Substrat Maulwurferde. Natürlich ohne den Maulwurf. Man muss sie, verrät Vita Sackville-West aus eigener Erfahrung, tief genug pflanzen, damit sie sich wirklich wohlfühlt.

Wie ihre Schwester, die so genannte Primula vulgaris (klingt ja schon wieder fast nach Arbeiterblume), die so appetitanregend bunt auf den Supermarkt-Stellagen stehen, blüht die Aurikel zeitig im Frühjahr. Während die "gewöhnlichen" Kissenprimeln fröhlich wirken wie Ostereier, hat die Aurikel etwas biedermeierlich Graziöses, sehr Mädchenhaftes an sich. Ich weiß das, weil ich kürzlich den Botanischen Garten aufgesucht habe. Und da blüht sie natürlich, auf aufrechtem Stängel, von einer Rosette grüner Öhrchen in der Erde festgehalten.

Was aus der Mode gekommen, in Vergessenheit geraten ist, kehrt oft eines Tages als neuester Trend zurück. So wie das Korsett oder Filethandschuhe. Es würde mich sehr freuen, wenn ich es erleben würde und eines Tages Aurikeln haufenweise im Garten hätte.

In reiner, handgeschaufelter Maulwurferde. Das wäre dann das erste Mal, dass ich mich über die Maulwürfe in meiner Wiese richtig freuen könnte.

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