Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Bärlauch

Ursula Friedrich

Ich kann nicht klagen: gesundes Unkraut wächst in Fülle in meinem Garten. Außer Löwenzahn vor allem der Giersch, der von Naturköstlern als besonders schmackhaft gerühmt wird. Ich mag ihn nicht, weil er mich jedes Jahr vor unlösbare Probleme stellt: was soll im Staudenbeet wachsen, Phlox oder Giersch? Lilien oder Giersch? Schöne gelbe Schafgarbe oder Giersch?? Wenn ich nichts unternehme, beantwortet der Giersch die Frage selbst. Er, nur er, breitet sich aus, rücksichtslos alles erstickend. Rechtzeitig muss ich mit der Unkrautkralle versuchen, ihn einzudämmen. Mehr als eindämmen geht nicht, wo er einmal ist, bleibt er, muss immer wieder mit der Unkrautkralle ... undsofort. Ich mag ihn nicht auch noch als Spinat auf dem Tisch haben.

Auch ein anderes Unkraut gab es einmal in meinem Garten. Als ich sah, wie mein Hund die lilienartigen Blätter fraß, dachte ich an Gift - Maiglöckchen oder Herbstzeitlosenlaub. Ich riss das Kraut aus mit Stumpf und Stiel, und es verschwand ganz willig. Ach, hätte ich doch damals gewusst, was ich heute weiß! Es waren weder Maiglöckchen noch Herbstzeitlose, es war Bärlauch. Bärlauch, den ich jetzt auf dem Markt büschelweise kaufe, nicht billig, aber das Modegewächs, Inbegriff für Feinschmeckerei, Zeitgeist und Gesundheit. Kein Sternekoch, der nicht ein Bärlauchsüppchen in seine Menus hineinkomponiert. Aus dem dunklen Land des Vergessens wiedererstanden. Mein Feinschmeckerlexikon führt Bärlauch noch nicht auf, keines meiner modernen Kochbücher widmet ihm ein paar Zeilen.

Reich könnte ich jetzt werden, wenn ich noch Bärlauch im Garten hätte, hinten in der schattigen Ecke. Ich könnte einen kleinen Stand vor meiner Haustür aufmachen und ihn verkaufen, ganz frisch, total bio, hervorragend gesund, senkt Blutdruck, Blutzucker und den Cholesterinspiegel, ist gut für die Brust und für die Haut und ist außerdem von wunderbarem Aroma beispielsweise aufs Butterbrot gestreut. Alle Welt würde sich drum reißen.

Besonders ich selber. Bärlauch schmeckt roh besser als Schnittlauch, in Suppen und Gemüse besser als Knoblauch, er wächst immer wieder nach, wenn man ihn lässt, entwickelt zarte weiße Blütenkugeln, deren Samen die Ameisen forttragen "und damit die Weiterverbreitung der wertvollen Heilpflanze sichern", steht in dem Buch "Heilpflanzen und ihre Kräfte". Erscheinungsjahr 1978. Leckere Bärlauchsüppchen und Bärlauchgnocchi sind noch nicht erwähnt.

Bärlauch ist ein Liliengewächs, Liliaccae heißt die botanische Familie, zu der auch Herbstzeitlose und Maiglöckchen gehören. Man muss tatsächlich aufpassen, nicht die falschen Blätter zu erwischen. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal ist der Geruch. Die ganze Bärlauchpflanze riecht - aufdringlich, wie Pfarrer Kneipp befand - nach Knoblauch. Warum nur ist mir das bei meiner damaligen Ausmerzungsaktion nicht aufgefallen? Ich muss einen starken Schnupfen gehabt haben. Da ich bisher weder junge Pflänzchen noch Samentütchen im Gartencenter gefunden habe, muss ich auf meine Kusine Ernestine zurückgreifen. Die hat Bärlauch im Garten. Übrigens macht sie auch eine Giersch-Torte.

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