Mein Garten EDEN : Bäume am Stock

Ursula Friedrich

Außer der Freude an Blumen bietet ein Garten auch die Freude am Ernten – wenn man beispielsweise einen Apfelbaum und einen Zwetschgenbaum besitzt. Ich habe auch einen Kirschbaum, aber der gehört den Amseln. Der Apfelbaum hat bisher, was die Ernte betrifft, nicht viel gebracht, er war ja auch noch jung. Der Zwetschgenbaum war auch jung, aber er hat sich viel mehr angestrengt. Schon im zweiten Jahr lieferte er Material für eine Mahlzeit Zwetschgenknödel. Die Äpfel reiften erst im vierten Jahr wenigstens im Dutzend.

Gott, waren das schöne Zeiten! Jeden Apfel einzeln betrachten, pflücken, in einer urig irdenen Schale auf den Esszimmertisch stellen! Exakt dem Traumbild „Schöner-Wohnen-auf-dem-Land“ entsprechend. Jetzt, 20 Jahre später, hängt der Apfelbaum über und über voll mit schätzungsweise tausend Äpfeln, wenn’s reicht. Tausend rotbackige Jonathans. Die Äste hängen tief herunter. In Württemberg, wo ich aufgewachsen bin, werden die Apfelbäume vor der Ernte mit Stangen abgestützt. Das habe ich versäumt, ich habe auch gar keine solchen Stangen, die in den dortigen Grasgärten vorsorglich für jeden Ernteherbst an den Baumstämmen lehnen.

Wohin mit so vielen Äpfeln? Der Jonathan ist eine alte Sorte, heute praktisch nicht mehr im Handel erhältlich, außer in der überzüchteten Jonagold-Form. Er ist also eine Kostbarkeit, hält sich außerdem bis März, wenn er sachgerecht eingelagert wird. Sachgerecht heißt kühl, luftig und mitteldunkel. Früher hatte man dafür einen Obstkeller. Äpfel dürfen nicht neben Kartoffeln gelagert werden, weil sie ein Gas ausströmen, das die Kartoffeln faulen lässt. Man braucht also einen Obst- und einen Kartoffelkeller. Ich glaube, solche Räume planen heute nicht mal mehr Millionäre in ihren Villen ein.

Tausend Äpfel, vielleicht sogar mehr. In der abendlichen Freizeit oder am Wochenende könnte man Apfelmus kochen und einfrieren. Oder Apfelgelee herstellen, was viel Zeit erfordert und außerdem fad schmeckt. Oder Apfelringe im Backrohr trocknen. Apfelkuchen backen. Apfelküchlein braten. Ehrlich: Ich kann das Wort Apfel schon jetzt nicht mehr hören.

Verschenken? In allen Gärten ringsum hängen ebenso viele Äpfel. Zur Obstpresse fahren? Ich habe angerufen. Für dieses Jahr sind sie total ausgebucht. Man hätte den Liter Bio-Apfelsaft, frisch gepresst, für 30 Cent haben können. Anmeldung für nächsten Herbst erforderlich. Ach, mein Zwetschgenbaum, den hab ich ja auch noch. Aber er ist etwas kleiner geblieben, und außerdem esse ich Zwetschgen lieber als Äpfel.

Die gute Nachricht zum Schluss: Ich habe gelesen, dass Apfelbäume für verrottende Falläpfel als Dünger dankbar sind. Sie „beernten“ sich den Winter über gern selbst. Ursula Friedrich

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