Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Birnbaum

Gern hätte unsere Autorin einen eigenen Birnbaum. Wenn der nur nicht so anspruchsvoll wäre.

Ursula Friedrich

Ich möchte gern einen Birnbaum in meinem Garten haben, wie der Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Birnbäume haben einen schönen schlanken Wuchs und eine sehr ausdrucksvolle, fast schwarze Rinden-Farbe. Ein alter Birnbaum im Schnee ist ein wundervoller Anblick im Winter. Ein alter Spalierbirnbaum an einer weißen Hausmauer ist ein schöner Kontrast.

Natürlich kann kein Gärtner der Welt mit einem alten Birnbaum beginnen. Er wird jung sein, wenn er eingepflanzt wird, einen Stock benötigen und in zwei Jahren die ersten Früchte ansetzen – anders geht es in der Natur nicht. Wenn ich ihn alt erleben will, muss ich selber mindestens 100 Jahre erreichen.

Ich werde mir Mühe geben – falls ich tatsächlich einen Birnbaum kaufe. Er sollte die Sorte Clapps Liebling sein. Aber bekomme ich den? Ich habe mich schon mal ein ganz kleines bisschen umgesehen. In den Baumschulen haben sie nur Williams Christ, Gute Luise und die Spätbirne Alexander Lucas – das gleiche halt, was auch die Obststände am Markt füllt. Einen Platz hätte ich schon: Mein Kirschbaum müsste schon länger weg, er hat die Schrotschuss-Krankheit und irgendeinen Gummifluss an der Rinde und Kirschen hat er gerade noch ein paar für die Vögel. Wenn es mir nur nicht so schwer fiele, den Scharfrichter anzurufen, damit er mein Urteil vollstreckt… Das nächste Jahr warte ich noch ab.

Birnbäume, sagt der Baumschuloberlehrer, werden selten gekauft. Im Gegensatz zum robusten Apfel stellen sie Ansprüche an den Standort: Er soll sonnig und mild (Weinbau-Klima) sein. Spätfröste im Frühjahr lehnen sie total ab. Ihre Früchte sind ebenfalls empfindlich, können kaum eingelagert werden, kriegen leicht Druckstellen, man kann sie nicht aus der Hand raus überall essen wie einen Apfel, weil sie sehr saftig sind. Clapps Liebling stammt aus den USA, ich weiß eigentlich gar nicht, ob der tatsächlich so herrlich schmeckt – ich finde den Namen so hübsch.

Mit Birnen verbinde ich ein sehr schmerzhaftes frühes Kindheitserlebnis. Wir hatten zu Hause einen Butterbirnbaum, also wahrscheinlich Williams Christ. Die Wespen mochten die Früchte wahnsinnig gern. Fiel eine reife Birne ins Gras, stürzten sie sich sofort in Heerscharen auf sie. Im Gras konnte man sie leider nicht gut sehen. Und als ich unter dem Birnbaum saß und meine Hand aufstützte, stützte ich sie leider mitten in eine Wespenbirne hinein. Sie sah danach aus wie eine Kugel mit fünf kleinen abstehenden Fingerchen dran. Das Gemeinste war, dass es sich um die linke Hand handelte. Ich konnte also schreiben und musste in die Schule.

Meine Großmutter schnitt die Birnen der Länge nach durch und trocknete sie tagelang im Backofen. Daraus machte sie Hutzelbrot, das ebenfalls tagelang gebacken wurde – na ja, mindestens sechs Stunden. Ein Hutzelbrot schmeckt sehr gut in der Adventszeit. Früher, sagte die Oma, schmeckte es noch besser, weil es aus Holzbirnen gemacht wurde – steinharten Wildbirnen, bei denen es, wenn man hinein biss, einem den ganzen Mund zusammenzog. Dass es guten Birnenschnaps gibt, erfuhr ich erst viel später. Auch der echt schwäbische Most wird aus Äpfeln und sauren Birnen gemacht.

Birnbäume blühen rein weiß wie Kirschbäume. Jetzt muss ich mal sehen, wie mein Kirschbaum im nächsten Frühjahr aussieht. Ich lasse mir Zeit mit meiner Entscheidung.

Nächste Woche: Regenfass

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