Mein Garten EDEN : Das magische Linsengericht

Ursula Friedrich

In meinem Garten wächst sie nicht, obwohl sie eine der widerstandsfähigsten Pflanzen in unserer Nahrungskette ist. Sie wächst in 3400 Metern Höhe, auf trockenen Böden, an zehn Zentimeter hohen Stützen oder geduldig am Boden entlang kriechend, sie wächst in Indien, Argentinien und Hessen, in Franken und Thüringen. Sie ist nahrhaft und leicht verdaulich, und es gibt sie auf Erden seit schätzungsweise 8000 bis 10 000 Jahren. Und das Wichtigste: wer von ihr isst, wird reich. Behauptete meine Großmutter. Man muss sie nur zum richtigen Zeitpunkt, am Neujahrstag mittags, essen. Das kommt davon, dass die kleinen unscheinbaren Früchte an Taler erinnern.

Na ja, es handelt sich schlicht um Linsen. Früher müssen sie in der Vorratswirtschaft der Völker eine bedeutende Rolle gespielt haben. Ihre Eigenschaft, praktisch unbegrenzt haltbar zu sein, hat ihnen den Ruf eingebracht, sie vor dem Kochen mindestens eine ganze Nacht einzuweichen. Ich bin in diesem strengen Brauch noch aufgewachsen. Heute weiß ich es besser: Sie sollen, je schöner hellbraun, desto jünger sie sind, überhaupt nicht eingeweicht werden. Es gibt sie auch in Rot, und schwärzlich. Sie gelten als die nahrhaftesten Hülsenfrüchtler. Die Weltproduktion liegt bei 1,2 Millionen Tonnen.

Ich weiß nicht genau, wie lange unser Familienstammbaum zurückreicht. Jedenfalls, solange er wurzelt, werden mit Sicherheit die magischen Linsen verzehrt, Neujahr und auch am 14. Januar, das soll ein spezieller Hexentag sein. Vorsichtshalber essen wir übers Jahr überhaupt mehrmals Linsen, man kann ja nie genug vom Reichwerden kriegen. Und sind Linsen nicht auch ein Leibgericht von Günter Grass? Ist der etwa nicht reich geworden?

Bei uns macht das Reichwerden kleine Schritte. Man muss ja auch bedenken, dass Tellerlinsen höchstens sieben Millimeter im Durchschnitt messen. Da kann man nicht gleich steinreich werden. Hauptsache, schön langsam und sicher. In einem Buch über Hexenkunde, das ich in einem Antiquariat für nicht ganz billig erworben habe, steht als ernster Rat geschrieben, man möge sich beim Verzehr mäßigen, da dies zu übermäßigen Blähungen führe. Nun, das wäre ein erträglicher Nachteil und müsste in schwerreichen Kreisen erst mal überprüft werden. Ich könnte ja im Frühjahr mal ein halbes Pfund Linsen am Zaun aussäen.

„Du müsst verstehn!/Aus Eins mach Zehn/und Zwei lass gehen/und Drei mach gleich/so bist du reich!/Verlier die Vier!/Aus Fünf mach Sechs/so sagt die Hex –/mach Sieben und Acht/dann ist''s vollbracht!/Und Neun ist Eins/und Zehn ist keins./Das ist das Hexen-Einmaleins!“ So erklärt Goethes Mephisto.

Hm. Klingt verdammt nach Krise. Finanz-Linsenkrise. „Und Zehn ist keins…“ Vielleicht ess ich die Linsen doch lieber und säe sie nicht aus.Ursula Friedrich

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar