Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Das Tränende Herz

Ursula Friedrich

Ganz bestimmt war der liebe Gott in strahlender Laune, als er die Rose erschuf. Eher missgelaunt bei der Brennnessel, der er statt Blüten nur ein farbloses Gewirr von herabhängenden Knöllchenfäden zugestand. Und zweifelsohne in wundersam zärtlicher Stimmung, als ihm die Blume einfiel, die von Botanikern Dicentra spectabilis genannt wird und vom Volk Tränendes Herz, Mutterherzl oder Herzlesstock. Eine Staude mit zarten, gefiederten Blättern und vielen rosa oder roten Herzchen an gebogenen grünrosa Stängeln. Kinder stibitzen sie gern, um sie der Mama am Muttertag zu überreichen. Und die Mama - ich zum Beispiel - weiß im Allgemeinen, aus welchem Nachbarsgarten die Beute stammt. Es gibt nämlich nicht so viele Gärten, in denen ein Tränendes Herz zaunnah blüht. Als meine Kinder klein waren, hatte ich selber noch keines.

Inzwischen schlüpft auch bei mir im Beet bereits im April ein Herzlesstock aus der noch kalten Erde. Zuerst die Blättchen und andeutungsweise bald auch die kleinen gebogenen Stängel mit den festgeschlossenen Herzchen dran. Ein Wunder jedes Jahr, weil die Staude doch im Sommer immer "einzieht", wie der Gärtner sagt - einfach verschwindet zwischen Dahlien und Phlox, als habe es sie nie gegeben und werde es sie auch nie mehr geben.

Eine alte Klostergartenblume zum Lob der Muttergottes im Marienmonat Mai. Irgendwie ist sie wie gemacht als Kirchenschmuck für die abendlichen Maiandachten, zu denen ich mit meiner Großmutter oft gehen musste. Aber von ihrer Herkunft her ist sie gar nicht katholisch, wie ich jetzt im Blumenlexikon lese. Um 1870 herum kam sie von der chinesischen Insel Kushan nach Europa. Sie bekam sofort sehr viele Namen. In den Dörfern am Rhein wurde sie "Großmutter in der Badewanne" getauft. Den Namen "Tränendes Herz" erhielt die chinesische Bergwiesenstaude von Linné. Gott sei Dank, "Großmutter in der Badewanne" ist doch etwas seltsam.

Jedenfalls fand die freundliche Herzensträgerin gleich viele Liebhaber bei uns. Anno 1900 war sie die beliebteste Bauerngartenblume. Dann geriet sie in den Ruf, kitschig zu sein. Die Begeisterung ließ nach. Heute haben wir wieder etwas mehr Mut zum Kitsch und zur Innigkeit, die Herzchen dürfen uns zu Tränen rühren.

Das Tränende Herz ist ein Mohngewächs, obwohl es nicht die geringste Ähnlichkeit mit Mohnblumen hat. Zu der sehr kleinen Gattung gehören nur etwa zwanzig Arten, eine weißgesäumte rote ist darunter, auch eine Kletterart mit gelben Blüten und grünen Spitzen, die ich noch nie gesehen habe. Alle haben eines gemeinsam: die Träne an der Herzspitze.

Dicentra gilt als winterhart. Sie liebt sogar den Winter. In Ländern ohne Kältemonate wächst sie nicht gut. Sie braucht humusreichen, feuchten Boden und leichten Schatten. Es ist nicht schwer, im kleinen Garten einen günstigen Platz zu finden. Ich decke meine Herzstaude immer ein bisschen mit Laub zu, wenn scharfer Frost droht. Mit Herzen, nicht wahr, soll man fürsorglich umgehen. Auch wenn sie es gut im Kalten aushalten - ich bin sicher, sie mögen es doch spüren, dass man auch im Schnee an sie denkt.

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