Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Der Apfelbaum: Ein fast vergessener Duft

Ursula Friedrich

Er war schon da, als wir unser Haus bezogen: Klein und schmächtig stand er mitten in der schütteren Wiese, die unser Garten werden sollte. Keine Ahnung, wie er da hin kam. Ein Apfelbaum sät sich nicht zufällig durch einen Kern aus, er muss gepfropft, veredelt werden. Unterlage heißt das Urwesen, aus dem die ausgewählte Sorte treibt. Es gibt übrigens 5000 bis 6000 Sorten, was man auf dem Obstmarkt längst nicht mehr merkt. Der wird heutzutage von vier, fünf prächtigen Zuchterfolgen dominiert, welche zwar langweilig schmecken, aber herrlich aussehen. Die Äpfelchen von meinem Apfelbaum, sie sind klein, rotbackig und ein bisschen murkelig. Dafür schmecken sie total nach Apfel.

Der Gärtner, der damals die ersten Sträuchlein in meinen Garten pflanzte, wollte den kleinen Apfelbaum entfernen. Macht zu viel Schatten, sagte er. Er ist doch so klein, wandte ich ein. Er wächst, sagte er. Zugegeben, das wusste ich noch nicht, dass alles, was man einpflanzt, bald groß und größer wird. Aber ich hielt an meinem Apfelbaum fest. Er durfte bleiben.

Gleich im ersten Jahr lieferte er eine kleine Ernte. Nach Konsultation einschlägiger Apfelbücher tippte ich auf Jonathan, eine längst überholte Sorte. Oder vielleicht Freiherr von Berlepsch, besonders vitaminreich, bekannt aus dem Jahr 1880, auch ausgestorben. Auf jeden Fall gehört mein Baum zur Familie Malus domestica. so groß wie er - drei bis vier Meter hoch - wird ein moderner Apfelbaum nicht mehr. Der ist heute ganz auf Zweckmäßigkeit gezüchtet, man kann ihn ohne Leiter abernten. Sehr bequem. Ich brauche dazu leider einen langen Stock mit einem zackenbewehrten altmodischen Leinensack an der Spitze. Damit pflücke ich die Äpfel einzeln in schwindelnder Höhe. Genickstarre, Kreuzweh und Muskelkater in den Oberarmen sind die unvermeidlichen Begleiterscheinungen der Ernte.

Und die fällt dieses Jahr ganz besonders reich aus. Haben Sie schon mal jemanden gefragt, ob er Äpfel haben will, wenn er sie selber herunterholt? Kein Mensch will welche. Kein Platz im Keller, keine Zeit. Ich hoffe nur, mein Apfelbaum hört solche Gespräche nicht. Natürlich bringe ich es als späte Angehörige der Nachkriegsgeneration nicht fertig, meinen Überfluss verfaulen zu lassen. Ich verwerte ihn. (Verwerten ist auch ein schrecklich altmodisches Wort.)

Bei mir riecht es um diese Zeit ständig nach Apfelmus, Apfelküchlein, Apfelstrudel, Apfelmarmelade mit Ingwer, nach bleichen Apfelscheiben, die im Bratrohr trocknen. Nur: Gegessen muss das alles irgendwann auch mal werden. Und jetzt verrate ich ganz, ganz leise, dass es mir manchmal schon auf die Nerven geht - Jonathan, Jonathan, Jonathan. Und wenn es ein Berlepsch ist, dann eben immerdar Berlepsch. Hie und da kaufe ich mir zwischendurch einen Boskoop. Das kommt mir dann wie Betrug vor. Mein Apfelbaum darf davon nichts erfahren.

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