Mein Garten EDEN : Der deutsche Gummibaum

Ursula Friedrich

Ach, das Blumenfenster im Wohnzimmer. Als meine Eltern ein Einfamilienhaus bauten, stritten sie monatelang darüber, ob so ein Ungetüm ins Wohnzimmer eingebaut werden soll. Meine Mutter verteidigte den Traum ihres Lebens, mein Vater fand so ein Riesenfenster einfach überflüssig, wo wir doch einen Garten draußen hatten. Ja, aber im Winter! Und wo soll der Gummibaum, den uns Oma zur Hochzeit geschenkt hat, sonst stehen.

Es ist angebracht, sich zu erinnern, welche kulturelle Rolle der Gummibaum einmal in deutschen Wohnungen gespielt hat. Vielleicht gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen der schwindenden Kinderzahl und der wachsenden Zahl von Gummibäumen in der Nachkriegszeit. Die Gummibäume waren jedenfalls sehr beliebt.

So ein schief in den Garten ragendes Glasfenster maß etwa 2,5 auf 3 Meter. Über die Besetzung mit Pflanzen brauchte man sich keine Gedanken zu machen. Zur Hauseinweihung wurden zahlreiche Schalen mit schön arrangiertem Grün ins Haus gebracht. Der Erstling bei uns war eine Zimmerlinde. Man sieht sie heute auch nicht mehr so oft, sie hat so viele Härchen auf ihren Blättern und sieht staubig aus. Der zweite Einzögling war eine Araukaria. Wir hatten sie dann elf Jahre im Blumenfenster, unbeweglich, steif und starr. Sie veränderte sich nie. Ihr deutscher Name war Zimmertanne. Ein gerades Stämmchen, davon abgespreizt einige benadelte Zweige, wie abgezählt. Jede andere Pflanze sah neben ihr öde aus.

Das langweiligste Ding der Welt, fand ich. Mein Vater grinste nur. Und meine Mutter kaufte ein Buch, „Der Zimmergarten“. Die Araukaria war drin, in einem schön bemalten venezianischen Gefäß. Dabei stand: „Die Araukaria ist ein schwieriges Gewächs. Sie wächst sehr eintönig und ist schwer mit anderen Pflanzen zusammenzubringen. Unser Vorschlag: Kaufen Sie mehrere Exemplare und reservieren Sie einen Platz nur für sie, so könnte ein gewisser japanisch anmutender Eindruck entstehen.“

Im Wohnzimmer? Im Blumenfenster? Ich kaufte mir ein Buch, „Die wild lebenden Bäume“, in Südamerika, Neuseeland, Australien. Die Araukarie war dabei. Und beim Lesen hörte ich auf, sie zu hassen. Ich sah sie in ihrem Fenster stehen, einsam, frustriert. In ihrem Urwald wird sie 25 oder 35 Meter hoch. Sie hat männliche und weibliche Zapfen, die borstigen weiblichen erscheinen ganz hoch oben im Gipfel, die männlichen halten sich mehr in den Unterabteilungen auf. Stolze, wunderschöne Bäume. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie in England Modebäume, wurden mit viel Platz in die riesigen Parks gepflanzt. Manchmal frage ich mich, ob man in jedes Pflanzenleben eingreifen kann, damit es in ein Blumenfenster passt.Ursula Friedrich

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