Mein Garten EDEN : Der Duft von damals

Warum duften Rosen heute nicht mehr oder nur noch ganz selten? Und Nelken schon gar nicht?

Ursula Friedrich

Auf meinem Tisch steht in einer langen, dünnen Vase eine lange, dünne Blume: eine rote Mohnblüte, etwas herausgeputzt mit Büffelgras. Eigentlich wollte mir meine Freundin eine Rose mitbringen, aber es gab im Blumengeschäft keine, die duftete. Nur der Mohn tat es – ein bisschen wild und bittersüß; er war noch eine Knospe.

Warum duften Rosen heute nicht mehr oder nur noch ganz selten? Nelken schon gar nicht? Es gab früher Seifen, die nach Nelken rochen; mein Vetter brachte mir als Soldat eine aus Paris mit. Ich hütete sie unter meinem Kopfkissen, bis er gefallen ist. Jetzt, im Noch-Winter, darf man sich Kindheitserinnerungen hingeben. Roter Mohn hat wohl was mit der Beziehung meiner Eltern zu tun. Eines Tages brachte mein Vater meiner Mutter die Schellackplatte „Roter Mohn“, gesungen von der damals sehr berühmten Rosita Serrano. Sie tanzten dazu, vor uns Kindern, ganz verliebt. „Roter Mohn, warum welkest du schon, wie mein Herz sollst du glühn und nicht verblühn …“ Und jetzt habe ich sie auf meinem Tisch, die zart flatterhafte Blüte, und sie duftet bereits acht Tage, was nicht lang ist für eine Liebe, aber für einen Mohn schon.

Der Duft geht weg aus unserem Leben. Damals, im Sommer 1945, als mein Bruder starb, gab es keine Blumengeschäfte. Aus einer brachliegenden Gärtnerei holte ich einen ganzen Leiterwagen voller weißer Lilien für seine Beerdigung. Eine Nacht lang waren sie in unserem Keller und dufteten. Dufteten so schrecklich süß und tödlich, dass ich danach jahrzehntelang keine Lilien mehr ertragen konnte. Unlängst saß ich in einem indischen Lokal, das mit Riesensträußen weißer Lilien geschmückt war. Nichts roch danach. Ich ging ganz nah hin. Die Lilien schwiegen. Ich habe es im Geschäft kontrolliert: Man hat den Duft weggezüchtet.

Zitrusbäumchen blühen noch wohlriechend, wenn man sie vor Schildläusen und Blattwelke bewahren kann. Obwohl ich den Verdacht habe, der Blumenhändler geht vor dem Verkauf mit einer Duftspritze ein bisschen drüber. Maiglöckchen duften auch, wenn auch meist nur von einem einzelnen Stängelchen, das im Wald noch erscheint. Hier stirbt nicht der Duft, sondern die Pflanze.

Und jetzt möchte ich noch einen recht seltsamen Geruch hervorkramen, an den sich ältere Semester vielleicht noch erinnern: Der Geruch von Süßholz. Für zwanzig Pfennig oder so konnte man Süßholz in Form von dünnen, fasrigen Stäbchen in der Apotheke kaufen und darauf herumkauen. Wie ich erst jetzt gelesen habe, wird es aus den Zweigen von Gingkobäumen gemacht. Ich werde demnächst erkunden, ob man es überhaupt noch bekommt. Es soll aphrodisierend wirken. Wir Kinder benutzten es als Ersatz für den noch nicht vorhandenen Kaugummi.

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