Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Der Hagel

Sonst konnte unsere Autorin immer den Vögeln zuschauen, wie sie ihren Kirschbaum abernten. Diesmal war der Hagel schneller.

Ursula Friedrich

Mein Nachbar sagt, wir haben eindeutig einen Klimawechsel, weil es so heiß ist in diesem Juni und es bei uns schon dreimal gehagelt hat. Seine Kapuzinerkresse ist hin. Wenn ich einwende, dass wir halt Sommer haben, den ersten richtigen Sommer seit langem, widerspricht er. Das habe schon Nostradamus prophezeit, wenn Steine vom Himmel fallen, bedeutet das nichts Gutes für die Welt.

Das Wort Hagel komme aus dem Althochdeutschen und heiße „kleine Steine“. (Das wundert mich, dass mein Nachbar das weiß.) Bevor er auch noch mit dem Hundertjährigen Kalender als Beweismaterial daherkommt, ziehe ich mich lieber zurück. Ich habe selber einen Hundertjährigen Kalender für 2003, ich kaufe mir jedes Jahr einen, weil darin so ein eigenartiger Stil gepflegt wird. Zum Beispiel ist im Hundertjährigen Kalender das Wetter „unlustig“, es „kieselt“, es ist „lieblich“ oder „lustig und fein“. Unlustig ist schöner als bedeckt, da werden Sie mir doch recht geben.

Also, das Wetter stimmt tatsächlich nicht mehr. Denn laut Hundertjährigem Kalender hätten wir bis zum 18. Juni Schauer und Wind und unlustige Nächte haben müssen, von Hagel steht gar nichts da. Hagel dürfte also nicht sein, wenn alles mit rechten Dingen zuginge. Während ich dies schreibe, haben wir 32 Grad und bedenklicherweise donnert es schon wieder von Ferne, und der Himmel hat so eine komische gelbliche Farbe.

Was kann man gegen Hagel tun? Regen kann man abwehren, indem man zum Beispiel dünne Plastikplanen über die Rosen und die Geranien breitet. Ist nur Wasser, gleitet ab. Der Hagel zerfetzt die Planen oder er sammelt sich auf ihnen, dass die Pflanzen zwar trocken bleiben, aber zerquetscht werden. Ich habe festgestellt, dass die nachgiebigen, weich blättrigen Blumen wie etwa Lobelien Hagel gut aushalten. Auch Steingartenkissen machen sich nicht viel draus. Kapuzinerkresse allerdings – oh je. Manchmal kommen die Hagelangriffe in aufeinanderfolgenden Wellen wie Bomben im Krieg. Da sprach man übrigens von Bombenhagel.

Bisher haben meinen Kirschbaum jedes Jahr die Amseln und Stare abgeerntet. Dieses Jahr sind die halb reifen Kirschen schon beim ersten Hagelsturm heruntergefallen. Gefolgt von zerrissenen Blättern. Mein Kirschbaum ähnelt jetzt einer gerupften Krähe, die Vögel kommen herangeflogen und sind voller Vorfreude, aber nichts mehr ist für sie da.

Nein, gegen Hagel kann man nichts machen. Die Körner, die laut Lexikon Graupen oder Graupeln heißen, wenn sie manierlich mittelklein sind, und Schloßen, wenn sie die Größe von Taubeneiern erreichen und Gewächshausdächer oder Autos zerdellen. Bei einer Freundin sind sie einmal nachts in die Kellerschächte eingedrungen und haben sich dann in Form von Schmelzwasser in das Bierstübchen ergossen.

Hagel ist nichts Schönes. Es gibt zwar moderne Methoden der Hagelbekämpfung, wo man irgendeinen chemischen Stoff vom Flugzeug aus in Hagelwolken spritzt, damit sie sich über Wäldern zum Beispiel entleeren statt über Weinbergen. Aber ich glaube nicht, dass ich so was für meinen Garten bestellen kann. Ist auf jeden Fall zu teuer.

Es gibt nur einen Trost. Nein, keine Versicherung. Eine Versicherung zahlt vielleicht das zerschlagene Fenster, aber nicht Stiefmütterchen und Taglilien. Der Trost liegt in der Zähigkeit der Natur. Das wächst alles wieder irgendwie zusammen. Und nächstes Jahr will ich keine Geranien mehr, weil Geranien am schlimmsten aussehen nach einem Hagel.

Nächste Woche: Radieschen

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