Mein Garten EDEN : Der Neid auf Nachbars Rosen

Ursula Friedrich

Neid bewegt die Welt. Ohne Neid gäbe es nicht das Streben, besser zu sein als die andern. Der Beste. Neid hat aber auch eine schäbige Seite: Mehr haben, vorn dran sein, das meiste Geld verdienen – und die schönsten Blumen haben.

Ich zum Beispiel bin, was meinen Garten betrifft, ausgesprochen neidisch. Ich muss es zugeben. Ich beneide meine Nachbarin um ihre tollen Rosen. Sie bemüht sich sehr, das sehe ich schon. Vielleicht ein bisschen mehr als ich. Sie spritzt im Frühjahr und Sommer gegen diesen Rost. Und im Herbst tut sie echten Kuhmist an jeden Rosenstock. Das Gemeine ist: Sie sagt mir nicht, woher sie den Mist bezieht. Es gibt nur noch einen Bauern, der auf seinem Hof einen wirklichen Misthaufen hat, nicht nur eine Güllegrube.

Wahrscheinlich ist sie umgekehrt auf mich neidisch für meine Hamamelis, die am schönsten blüht weit und breit. Schöner als ihre. Ich werde gern beneidet. Leider habe ich mehr Grund, neidisch in andere Gärten zu schauen. Warum blühen drei Häuser weiter die Dahlien in riesigen Pompons, während meine erst so weit sind, wenn bereits der erste Frost über sie herfällt? Die Gärtnerin dort steckt die Knollen an bestimmten Tagen, bei abgehendem Mond. Sie macht überhaupt alles nach dem Mondkalender.

Geh mir weg mit dem Mondkalender. Ich bin einmal um Mitternacht aufgestanden und habe mit der Taschenlampe Giersch ausgerupft. Weil es hieß, danach sei das Unkraut für immer fort. Meinem Giersch war aber der Mond völlig egal Meinem neidischen Herzen tut es gut, wenn ich beim Spazierengehen sehe, dass jemand etwas ganz falsch macht. Zum Beispiel eine Samthortensie in die pralle Sonne setzt. Ich könnte sagen, dass Samthortensien Halbschatten bis Schatten brauchen. Aber ich sage es nicht. Sollen sie ruhig neidisch werden auf meine Samthortensie, die am richtigen Standort steht mit ihren grossen zartlila Blütentellern. Fremder Neid ist was Schönes.

Andererseits finde ich es ärgerlich, dass die Johannisbeerhecke in dem Garten am Ende der Straße solche fabelhaft großen Beeren trägt, im Juli sehen die Büsche aus wie Christbäume, mit roten Perlenketten behängt. Ich habe nur einen Busch, und der hat so kleine und saure Früchte. Manchmal denke ich, ob die dort mit irgendwelchem Genfutter düngen? Aber es sind ordentliche Leute, die ich ziemlich gut kenne und die sowas nie machen würden. Sie sagen, es liegt an der neuen, mehltauresistenten Sorte. Und sie bringen mir immer einen ganzen Eimer voll mit ihren Johannisbeeren vorbei – um vor mir zu protzen? Oder weil sie einfach ein gutes Herz haben? So was soll es bei Gärtnern auch geben. Ursula Friedrich

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