Zeitung Heute : MEIN GARTEN EDEN: Der Pflaumenbaum

Manche Leute mögen keine Obstbäume, weil sie so viel Arbeit machen. Unsere Autorin liebt sie.

NAME

Von Ursula Friedrich

Mein Nachbar hat einen Pflaumenbaum in seinem Garten, nahe an unserem gemeinsamen Zaun. Im Lauf der Jahre ist er tüchtig gewachsen, so dass jetzt einige Äste mir gehören. Sie werfen ihre Früchte auf meine Wiese. Ich darf sie auflesen – umgekehrt wachsen meine Kürbisse zum Nachbarn hinüber, weil es ihnen dort offenbar besser gefällt. Er darf sie ernten.

Kürbisse sind zwar größer als Pflaumen, aber lange nicht so süß und saftig. Ich muss gestehen, ich sterbe für Pflaumen frisch vom Baum, kühl von der Morgenfrische, noch unberührt, bedeckt von dem pudrigen Schimmer, der beim Anfassen verschwindet. Und natürlich sterbe ich auch für Pflaumenkuchen mit Schlagsahne. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem Nachbarn öffentlich bedanken.

Im Frühling ist der Baum ganz eingehüllt in einen zarten weißen Blütenschleier. Bei stärkerem Wind weht ein Teil davon auf meine Terrasse. Das ist tatsächlich der Grund, warum manche Leute keinen Obstbaum haben wollen. „Er schmutzt", sagen sie. Eine serbische Fichte hingegen schmutzt nicht. Die sieht immer ordentlich aus, wirft im Herbst auch keine Blätter ab. Nochmaliges Schmutzen, nichts als Kehricht. Aber in einer serbischen Fichte summen auch keine Bienen.

Damit es Pflaumen gibt, sind aber nicht nur Insekten nötig. Es müssen auch die richtigen Bäume sein. Da es selbstfruchtbare, teilselbstfruchtbare und selbstunfruchtbare Sorten gibt, so steht es in einem Obstgarten-Fachbuch, sollte man sich eingehend in der Baumschule beim Kauf erkunden. Vielleicht muss man zwei Bäumchen setzen. Vielleicht reicht eines. „Wangenheims Frühzwetschge" zum Beispiel ist zuverlässig selbstfruchtbar, braucht keine Pollen von einem Kollegen.

Botanisch gesehen sind alles Pflaumen: Zwetschgen, Renekloden, Mirabellen. Alle haben den n Prunus Domestica. Ich mag auch Mirabellen gern, die hübschen kleinen goldgelben, und Renekloden, groß, grün und saftig. Aber nichts kommt heran an die blaue Pflaume, die den schönsten Kontrast zum tiefgrünen Laub bildet. Leuchtend blau und grün, das ist auch bei Stoffmustern meine liebste Zusammenstellung. Unsere Pflaumenbäume werden meist nicht sehr groß. Wenn sie alt sind, ist ihre Rinde fast schwarz und ihre Äste werden knotig. Dann sind sie am schönsten, weil Bäume mit dem Alter immer schöner werden.

Die Herkunft der Prunus Domestica liegt ziemlich im Dunkeln, da es nirgendwo von ihr eine Wildform gibt. Man nimmt an, dass sie als Kreuzung zwischen der Schlehe und einer Kirchenart entstanden ist. In Asien wurde die Pflaume schon im Altertum kultiviert, auch die Griechen und Römer kannten sie. Heute ist das Anbauland Nummer Eins das frühere Jugoslawien, wahrscheinlich wegen des weltberühmten Sliwowitz.

In diesem Sommer reifen am Baum meines Nachbarn weniger Früchte als bisher. Liegt auch das an der drohenden Klimaverschiebung? Am vielen Regen, während dessen die Bienen zu Hause blieben? Oder am fortschreitenden Altern? Was mache ich nur, wenn er im Wintersturm umbricht? Um einen jungen Baum in meinem eigenen Garten zu pflanzen, bin wiederum ich zu alt. Irgendwie gehören der betagte Pflaumenbaum nebenan und ich zusammen. Ich stehe öfter am Zaun und rede ihm gut zu. Halt dich fest, Alter.

Nächste Woche: Das Leid der Gärtnerin

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar