Mein Garten EDEN : Der unsichtbare Feind

Ursula Friedrich

Einmal habe ich auf meinem Fensterbrett eine Heuschrecke Eier legen sehen. Sie saß ruhig da, aus ihrem spitzen Hinterleib quoll ein hellgelbes Häuflein winziger aneinandergepappter Eier. Ob sie Schmerzen hatte? Ob es eine Notfallgeburt war? Denn was sollten die Eier auf einem Aluminiumbrett? Sie konnte sie doch nicht wegtragen oder eingraben.

Insekten als Einzelstücke mag ich gern, zum Beispiel die schillernden Libellen oder blauschwarze Käfer. Läuse mag ich nicht. Alles, was in Heerscharen auftritt, sodass man sie direkt schmatzen hört, wenn sie einen saftigen Rosenstiel überziehen. Auf eine ganz besondere Läusespezies habe ich richtigen Hass, vor allem deshalb, weil ich jahrelang mit ihnen zusammenlebte, ohne sie zu erkennen. Nur eine blutige Hand führte mich auf die Spur, warum das Goldstück in meinem Garten, die kleine Trauer-Ulme, so früh starb. Ulmen sind die schönsten Bäume, im Frühjahr, wenn sie rote oder grüngelbe Blätter bekommen, im Sommer, wenn sie sich tief dunkelgrün färben und in der Stimmung von heiter zu ernst wechseln. Überhaupt nichts Wunderbareres gibt es als eine Ulmenallee im Herbst mit strahlend goldenen Blättern, die rot umrandet sind.

Sie sind selten geworden. Die Holländische Krankheit, hervorgerufen durch einen Schlauchpilz, hat in den 70er Jahren fast alle vernichtet. In unserem Dorf gibt es noch eine riesige beim Kriegerdenkmal, mit schwarzem tiefrissigen Stamm, ihr Blattabwurf im Herbst ist eine spezielle Aufgabe für den Gemeindediener.

Ich wollte eine Trauer-Ulme, weil sie nicht so hoch wird, setzte sie mitten in die Wiese, ein Schmuckstück. Sie mochte den einsamen Platz offenbar nicht. Ihr Wuchs blieb kümmerlich. Ich prüfte die Zweige. Nein, keine Blattläuse. Im dritten Jahr bekamen ihre Blätter einen schwärzlichen, klebrigen Überzug. Jeder Fachmann hätte längst Bescheid gewusst. Ich beschloss, sie umzusetzen.

Meinen Freund und Helfer Andi ließ ich einen Kreis rund um das Bäumchen graben und hielt dazu den Stamm mit der schwarzen Rinde fest. Als ich losließ, blutete meine Hand. Sie war von blutigem Saft bedeckt. Ein paar Handbreit tiefer gegriffen: wieder Blut. Und dann die Entdeckung: die ganze Rinde war von schwarzbraunen kleinen Unebenheiten bedeckt. Von stillen, fast unsichtbaren Blutläusen, die sich am Frühlingssaft labten. Bis an die Spitzen jedes kleinen Zweiges. Milliarden. Hier kam jede Bekämpfung zu spät. Die meisten Knospen waren taub. Wir mussten unsere blutende Ulme entsorgen, sägten sie in Teile und übergossen sie mit Benzin. Dann zündeten wir das kleine arme Häuflein an. Brennen müsst ihr, ihr Scheißläuse! Wo kommt ihr eigentlich her? Könnt ihr laufen? Ich hasse euch. Und jetzt habe ich entdeckt, dass mein Zitronenbäumchen im Zimmer auch welche hat.Ursula Friedrich

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