Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Dickmaulrüssler

Ursula Friedrich

Es gibt hübsche Schädlinge im Garten, zum Beispiel das ziegelrote Lilienhähnchen, ein grazil gebauter Käfer, der sich pünktlich im Frühsommer auf meinen Lilien niederlässt. Im ersten Jahr war ich entzückt. Lilienhähnchen treten in der Regel als Liebespaar auf, nämlich zärtlich aufeinander sitzend. Es ist schwierig, sie näher zu betrachten. Sobald sie nur den Atem eines Menschen spüren, lassen sie sich fallen, einfach nach unten zwischen Blätter und Gras. Unauffindbar. Nur die Produkte ihrer Liebesaktivität findet man dann gar schnell: klebrige, mit Kot verschmierte dunkle Larven, die von den Lilien nur Stängel und verschmierte Blattgerüste übrig lassen. Absammeln, bevor sie ihre Eier legen können, rät der Gartenfachmann. Ein Blatt Papier unterlegen, wenn man sich ihnen nähert. Dann fallen sie auf das Papier, werden entdeckt und vernichtet. Aber meine Lilienhähnchen rutschen auch vom Papier herunter. Resultat: ich habe praktisch keine Lilien mehr.

Aber ich habe sehr viele Pflanzen, die vom Dickmaulrüssler heimgesucht werden. Rhododendren zum Beispiel, Oleander, Eisenhut, Phlox, Efeu. Der Befall ist an den halbrunden Löchern zu erkennen, die von den Blatträndern abgeknabbert werden. Diese Löcher macht der Gefurchte Dickmaulrüssler. Mein besonderer Feind, obwohl ich ihn noch nie Aug in Auge gesehen habe. Dazu müsste ich nachts mit einer Taschenlampe neben meinem Rhododendron sitzen. Er frisst nämlich nur nachts. Dann legt er einen Millimeter große gelbliche Eier an die Wurzelhälse. Daraus schlüpfen nach 2 bis 3 Wochen die Larven, immerhin 10 Millimeter lang, engerlingartig gekrümmt mit sechs Beinen und einem braunen Kopf am oberen Ende des elfenbeinfarbigen Körpers.

Auch die habe ich noch nicht gesehen. Ganz im Dunkeln fressen sie Wurzeln, Rinden, Stängel. Wenn es sehr viele sind, sterben die Pflanzen ab. Sie können auch Eiben und Thujen vernichten. Im Lexikon der Pflanzenschädlinge sind sie abgebildet, hässlich der graubraune erwachsene Käfer, geradezu Ekel erregend die dicken Larven. Typisch beim Käfer sein breiter Rüssel, an dessen Vorderende die Mundwerkzeuge sitzen. Deswegen heißt er Dickmaulrüssler, auf lateinisch Otiorhynchus sulcatus. Ein Name, den man sich wirklich nicht merken will.

Also, ich gehe nachts nicht mit einer Lampe in den Garten und warte auf den Dickmaulrüssler. Mein Rhododendron sieht schon jetzt schwarzgefleckt und zerlöchert aus. Es bleibt mir nichts anderes übrig als eine Methode, die ich in diesem Jahr zum Ersten Mal probieren will. Ich habe im Gartenhandel parasitäre Nematoden bestellt, die ich aussetze und die angeblich sofort die Larven befallen, in ihr Leibesinneres eindringen und dort ein Bakterium absondern, welches zum Tod führt.

Ein unsichtbarer Kampf ist das. Ich habe auch noch nie Nematoden gesehen. Fadenwürmer. Ich bin neugierig, in welcher Form sie mir geschickt werden. Wuselig in einem Plastiktütchen? Hoffentlich befallen sie, wenn sie sämtliche Dickmaulrüsslerlarven vernichtet haben, nicht auch mich. Auf Abbildungen sehen sie richtig eklig aus.

Nächste Woche: Grasmähen

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