Zeitung Heute : Mein Garten Eden: Die Blattlaus

Ursula Friedrich

Vor zwei Tagen machte ich eine überraschende Entdeckung: mein junger Zimmerefeu hat Läuse. Schwarze klebrige Blattläuse an jedem frischen Trieb. Es ist mir unerklärlich, wie in mein Wohnzimmer Läuse kommen. Fliegen sie an einem sonnigen Vorfrühlingstag durch die geöffnete Terrassentür herein? Oder krabbeln sie herein? Haben sie eine Mutter, die Eier abgelegt hat, aus denen sie dann krochen? Einen Vater, der die Mami ganz ganz lieb gehabt und mit ihr kleine Eier oder kleine Läuse gezeugt hat?

Wenn meine Rosen oder der Kirschbaum draußen im Garten Läuse haben, habe ich mir noch nie den Kopf zerbrochen, wo sie herkommen. Die Natur schenkt sie uns, und im Gartencenter können wir Kampfstoffe kaufen, mit denen wir sie wieder loswerden. Aber was ist jetzt, wo es noch kalt ist, in meinen vier Wänden geschehen? Wenn ich den Efeu von draußen hereingeholt hätte im Herbst, dann gäbe es die Möglichkeit, dass die Läuse heimlich hinter den Blättern verborgen überwintert haben. Aber mein Efeu ist ein Zimmerkind.

Ach, wir wissen viel zu wenig über das Tier namens Blattlaus. Beim Versuch, mich schlau zu machen, griff ich zunächst zum Brehm, farbige Jubiläumsausgabe. Da kommt die Blattlaus nicht vor. In Karl von Frisches "Zehn kleine Hausgenossen" stieß ich auf die Kopflaus. Das will ich doch nicht hoffen, dass mein Efeu Kopfläuse hat. Im Großen Volkslexikon wurde ich schließlich fündig. "Blattläuse (Aphidina), weltweit verbreitete Unterordnung der Pflanzenläuse mit etwa 3000 Arten, davon etwa 830 in Mitteleuropa. Körper weichhäutig mit dünnen langen Schrittbeinen. Auf den Sommerwirtspflanzen erfolgt die Vermehrung durch Jungfernzeugung (Parthogenese) und Lebendgeburt. Die Weibchen bringen ohne Befruchtung ausschließlich Weibchen hervor."

Jungfernzeugung, interessant. Das machen die den ganzen Sommer lang. Im Herbst, heißt es, stellen sie sich auf geschlechtliche Vermehrung um. Dann kriegen sie auch Männchen, dann befruchten sich die jungen Läuse gegenseitig, und dann legen die Weibchen Eier ab, aus denen erst im nächsten Frühjahr Junge schlüpfen. Ziemlich kompliziert das alles. Die Jungtiere durchlaufen vier Entwickungsstufen, bevor sie geschlechtsreif werden. Nach jeder Stufe häuten sie sich. Die weißen verlassenen Häute sieht man auf den Blättern der Pflanze. "Da sich die Nachkommenschaft selten weit von der Mutter entfernt, findet man Blattläuse häufig in dichten Kolonien."

Tut mir Leid, dass ich Sie mit so hochwissenschaftlichem Material belästigen muss. Aber meine Frage, wie die Jungfernzeugung zu meinem Efeu gelangt, ist leider damit immer noch nicht beantwortet. Dafür ist ein anderes Problem dringender geworden: wie werde ich die Läuse, von denen jede einzelne schon nach sechs Tagen ihre ersten Nachkommen kriegen kann, wieder los? Das weiß mein Gartenbuch: mit Marathion, Pirimicarb, Endo-Sulfan und Propoxur. Ich baue auf nicht chemischen Rat von meinen Lesern. Und vielleicht weiß irgend jemand, wie in mein Wohnzimmer auf geschlechtlichem oder ungeschlechtlichem Weg Läuse eindringen.

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